Berlin : Der Anwalt der Verlierer

Hans Ostwald erforschte einst das „dunkle“ Berlin

Werner van Bebber

Man muss es sich vorstellen: Da erforscht einer die finstersten Orte Berlins im frühen 20. Jahrhundert. Er macht sich als Reporter zum Anwalt der Obdachlosen und Prostituierten, der Verlierer der Gesellschaft, er schreibt über „Das Leben der Wanderarmen“ und über „Lieder aus dem Rinnstein“, er lebt als Vagabund unter Vagabunden und schreibt auch darüber, er wird der Autor des „dunklen“ Berlin, tritt der SPD bei – und dann bricht all seine Moral zusammen, der Mann wird zum gläubigen Nazi.

Hans Ostwald, um den es hier geht, mag ein typischer Mitläufer gewesen sein in seiner Bereitschaft zum Sinneswandel und zur Anpassung an die nationalsozialistischen Herrscher. Und doch haben die Geschwindigkeit und die Gründlichkeit dieses Sinneswandels etwas Erschütterndes. Umso verdienstvoller ist der Versuch des Berliner Forschers Ralf Thies, das Leben und die Arbeit Hans Ostwalds auszubreiten. Der Schwerpunkt des Buches über den „Ethnographen des dunklen Berlin“ liegt auf Ostwalds Publizistik. Vor Jahren hat das Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung noch mal an die sogenannten Großstadt-Dokumente erinnert – Hans Ostwald war ihr Erfinder. In einer Zeit, als die Unterschichtenforschung allenfalls die Kriminalwissenschaftler interessierte, begab sich Ostwald mitten in die Szene, als teilnehmender Beobachter sozusagen. Dieser Blick auf Milieus und auf Leute, mit denen brave Bürger nichts zu tun hatten, wurde zum Forschungsprojekt. Hans Ostwald, Reporter mit einer Neigung zum Nächtlich-Dunklen-Erotischen, gab von 1904 bis 1908 Schriften heraus, die für wenig Geld den Blick in den Abgrund boten.

Die Nachfrage war groß: Ostwald und seine Mitforscher erweiterten Arbeits- und Interessengebiete, es ging nicht mehr um das „dunkle“ Berlin, sondern in Reportagen, die immerhin 80 oder 90 Seiten trugen, um Tanzlokale, Varieté, den Berliner Sport. Ostwald machte Autorenkarriere, doch das war ihm zu wenig. Er, der das Elend ganz unten kannte, entwickelte und begann ein Landsiedlungsprojekt, eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme der frühen Art.

Er scheiterte, verlor Geld, verdiente neues, lebte ein bürgerliches Leben und sah noch 1932 mit größter Skepsis, was sich politisch tat. 1933 dann erfasste ihn, was Ralf Thies „die Gefühle der nationalen Erhebung“ nennt. Ostwald diente sich den Nationalsozialisten an, begann in der Uckermark ein neues Siedlungsprojekt – und handelte sich damit Ärger mit den neuen Herrschern ein: Privatinitiative war nicht gewünscht. Thies schildert das alles ausführlich und doch knapp. Jetzt ist man ganz gespannt auf eine Lebensgeschichte Hans Ostwalds.

— Ralf Thies: Ethograph des dunklen Berlin. Hans Ostwald und die „Großstadt-Dokumente“ (1904–1908). Böhlau-Verlag, Köln. 345 Seiten, 39,90 Euro.

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