Berlin : Der ausländische Patient

„Medizintouristen“ sind ein gutes Zusatzgeschäft für Berliner Kliniken. Noch ist es jedoch überschaubar

Daniela Martens

Es ist alles ganz geheim. Welches arabische Land seine Minister immer wieder zur Behandlung ins Unfallkrankenhaus Berlin schickt, will Pflegedirektor Matthias Witt nicht verraten. Und Barbara Nickolaus vom Deutschen Herzzentrum Berlin antwortet nicht auf Fragen nach den Sonderwünschen der prominenten Russen, die in die Spezialklinik kommen: Diskretion ist wichtig.

Für manchen Patienten aus dem Ausland mag das den Ausschlag geben, sich im Unfallkrankenhaus oder im Herzzentrum behandeln zu lassen. 500 „Medizintouristen“ kamen im vergangenen Jahr in die Herzklinik, die meisten aus Russland, die Hälfte von ihnen wurde stationär behandelt. Vor allem aber kommen sie laut Nickolaus wegen der Behandlungsmethoden, der technischen Ausstattung des Herzzentrums und des Rufes von Chefchirurg Roland Hetzer.

Auch andere Berliner Kliniken wie die Charité haben bekannte Ärzte und einen guten Ruf im Ausland. Trotzdem kommen im Vergleich mit anderen deutschen Städten relativ wenige zahlungskräftige ausländische Patienten nach Berlin. Das zeigt eine Studie des Sozial- und Seniorenwirtschaftszentrums am Institut Arbeit und Technik in Gelsenkirchen. Dazu wurden die Patientenentlassungszahlen aus dem Jahr 2004 für ganz Deutschland ausgewertet: 1533 Patienten waren es in Berlin, in München und Aachen dagegen mehr als doppelt so viele: 3610 und 4223. Im Ruhrgebiet waren es 2488.

Für den Vorsprung der anderen Städte vor Berlin gebe es viele Gründe, sagt Franz Dormann, Geschäftsführer von Gesundheitsstadt Berlin. München etwa habe Direktflug-Verbindungen in die arabischen Staaten. Und gerade die Patienten aus den arabischen Ländern seien eine wichtige Zielgruppe. Nach Berlin kommen laut Statistik besonders viele Polen und Russen – auch wegen der guten Verkehrsverbindungen.

Firmen wie Berlin Med International, ein Ableger von Gesundheitsstadt Berlin, wollen mehr Patienten nach Berlin holen und sie an die richtigen Krankenhäuser vermitteln. Voraussetzung dafür ist auch mehr Transparenz. Viele ausländische Patienten lassen sich lieber in US-amerikanischen Kliniken behandeln, weil sie dort zum Beispiel Angaben über die Sterblichkeit erhalten. Deshalb können nach Expertenmeinung Klinikführer wie der von Tagesspiegel und Gesundheitsstadt Berlin, an dem sich fast alle Krankenhäuser der Stadt freiwillig beteiligen, hilfreich sein.

Es sei wichtig, die Berliner Kliniken im Ausland als Marken stärker zu etablieren, sagt Dormann. Die Münchner Uniklinik etwa sei eine „starke Marke“. Die Charité aber auch. Dort gibt es die Abteilung Charité International, gegründet im Jahr 2000, als das Geschäft mit den ausländischen Patienten für deutsche Kliniken interessant wurde: Seitdem erst werden sie außerhalb des Krankenkassenbudgets abgerechnet, sind also eine zusätzliche Einnahmequelle. Und eine sehr sichere: Behandelt wird nur gegen Vorkasse.

Die Zahl der ausländischen Patienten an der Charité steige „langsam aber sicher“, sagt Thomas Feindt, Leiter der Abteilung Charité International. Er ist zufrieden mit dem Zulauf, auch wenn die ausländischen Patienten noch immer weit weniger als ein Prozent ausmachen. „Es ist nicht möglich, ohne weiteres internationale Patientenströme zu entwickeln“, sagt Feindt. Und es sei auch nicht erwünscht: „Das Geschäft mit den ausländischen Patienten muss im Rahmen bleiben, schließlich haben wir eigentlich einen Behandlungsauftrag für die Berliner.“ Werbung stehe bei ihnen deshalb nicht im Vordergrund. Den Begriff „Medizintourismus“ findet Feindt unpassend: „Das klingt nach Reha mit Shopping in Genf. Zu uns kommen Menschen, die vor allem sehr krank sind.“

Ähnlich sieht das Witt vom Unfallkrankenhaus (UKB). „Mit Werbung halten wir uns sehr zurück. Das hat auch einen moralischen Aspekt.“ Das UKB habe eine gleich bleibende, „überschaubare Zahl“ ausländischer Patienten, vor allem aus arabischen Ländern. Damit sei er zufrieden. Es laufe eher nebenbei. Gerade seien sie allerdings dabei, eine DVD zur Verteilung in den arabischen Staaten zu produzieren: „Der Film ist aber rein informativ. Wir wollen nichts verkaufen.“

Ein ausländischer Patient entscheide sich meistens ohnehin nicht für München oder Berlin, sagt Gesundheitsstadt-Chef Dormann, sondern für Deutschland. „Nur wenn wir den Medizinstandort Deutschland als Ganzes ausbauen, haben wir auch in Berlin Erfolg.“

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