Berlin : Der Auslöser

FDP-Fraktionschef Martin Lindner sitzt nicht nur vor, er führt. Damit kann nicht jeder leben

Werner van Bebber

Mit Martin Matz hat der zweite Abgeordnete die FDP-Fraktion verlassen. Erst war es der Kulturpolitiker Wolfgang Jungnickel, der ging, jetzt geht einer der Haushaltsfachleute. Böse Worte sind gefallen. Matz nannte Lindner einen Populisten, Martin Lindner nannte den vormaligen Landesvorsitzenden einen Aushilfskellner auf der Suche nach einem neuen Wirt. Sprachgewandt ist Lindner, und boshaft kann er sein. Da ist die Deutung nicht falsch, dass mit „Wirt“ ein „Ernährer“ gemeint war.

Doch ist es kein Zerfallsprozess, der in der FDP-Fraktion abläuft. Der Abgang Wolfgang Jungnickels und der von Martin Matz zelebrierte Austritt haben nichts miteinander zu tun. Jungnickel ging im Oktober 2002, nachdem er sich mit einer FDP überworfen hatte, die die Möllemann-Karsli-Krise zuließ. Matz geht, weil ihm die ganze Richtung der FDP nicht mehr passt – die Einordnung der FDP in das konservativ-bürgerlicheLager so wenig wie ihre neoliberale, stark marktwirtschaftliche Ausrichtung. Dazu kommt bei Matz die gekränkte Eitelkeit eines Politikers, der meint, er könne manches besser als die Amtsinhaber in der FDP. Lindner war nicht die Ursache, sondern der Auslöser für einen Trennungsprozess. Der FDP-Fraktionsvormann hält zwar rhetorisch viel davon, möglichst den ganzen Rest des Abgeordnetenhauses aufzuschrecken und gegen sich aufzubringen. Aber er legt es nicht nur auf Streit an. Matz hätte Möglichkeiten gehabt, den Konflikt zu entschärfen.

Lindners rauflustiger Stil im Plenum des Abgeordnetenhauses ist zumal für dessen phlegmatischere Mitglieder eine dauernde Herausforderung. Nach außen hat es der FDP-Mann geschafft, die – jetzt – kleinste Fraktion im Bewusstsein der Berliner zu verankern: Da sind auch noch diese Liberalen, denen man sogar zutrauen muss, den Tiergarten zu privatisieren. Das konnte in der kurzen Zeit und aus der Opposition heraus nur jemand bewerkstelligen, der populistisch genug ist, um wahrgenommen zu werden – und trittsicher genug, um populistisch erscheinende Ideen vernünftig zu begründen, wenn die Leute erstmal zuhören.

Wer sich so aus dem politischen Nichts nach vorne drängt, braucht hoch dosiertes Selbstbewusstsein, gute Kondition und eine gewisse Unempfindlichkeit für Angriffe, die in dem Maße heftig werden, wie die Konkurrenz im politischen Berlin apathische Anwandlungen abschüttelt. Wenn Lindner im Parlament redet, geht meist ein kleiner Ruck durch den Regierenden Bürgermeister. Böse sind ihm vorzugsweise diejenigen, die erwarten müssen, dass er sie öffentlich vorführt.

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