• DER AUTOR: VOLKER HASSEMER, EX-SENATOR BERLIN, DIE GEDULDETE HAUPTSTADT? Berlin ist gut zu gebrauchen

Berlin : DER AUTOR: VOLKER HASSEMER, EX-SENATOR BERLIN, DIE GEDULDETE HAUPTSTADT? Berlin ist gut zu gebrauchen

Die Stadt hat Potenziale: als Schaufenster Deutschlands, als Zukunftslabor oder Werkstatt der Ost-West-Einigung / Von Volker Hassemer

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Was eine Stadt als Hauptstadt leisten kann und muss, kann man nicht abstrakt beantworten. Man braucht eine spezifische Betrachtung für das jeweilige Land und seine Hauptstad. Für Berlin darf und muss diese Betrachtung – anders als im Falle anderer Hauptstädte, die in ihre Rolle kontinuierlich wachsen konnten – erst nach 1991 wieder neu angestellt werden.

Berlin ist damals wieder Hauptstadt für ganz Deutschland geworden. Es kann weder bruchlos an seine frühere Hauptstadtrolle noch an die Bonns einfach anknüpfen. Zu viel hat sich – im ersten Fall – in Deutschland, in Europa und mit Berlin in der Zwischenzeit geändert und zu sehr – im zweiten Fall – unterscheidet sich Berlin von Bonn. Für mich sind es heute zwei wesentliche Quellen, aus denen es sich zu schöpfen lohnt, wenn man die spezifischen Potenziale des neuen Berlin ausbeuten will:

Die „innere Chemie“ der Stadt, das spezifische Gemisch seiner Stadtbevölkerung, die „Menschenwerkstatt“; heute eine ganz andere als früher: Sie kennzeichnet sich seit 1989 insbesondere durch das Gemisch der – vor allem jungen – Menschen, die nach dem Fall der Mauer neu in die Stadt gekommen sind und kommen.

Die internationale Positionierung und Aufmerksamkeit, die die Stadt in den letzten etwa 150 Jahren aus sehr unterschiedlichen Gründen erreicht hat. Berlin hat eine überwiegend (trotz allem) positive Aufmerksamkeit erregenden Platz auf der Weltkarte. Das hat einen großen Wert, denn mit ihm ist das Interesse an Kontakt und Kooperation verbunden.

Das heißt auch: Die Spezifik ist nicht in erster Linie in einer herausgehobenen (sieht man einmal ab von der besonderen Funktion als Sitz von Regierung und Parlament) nationalen Positionierung zu suchen. In der föderalen Struktur sollte Berlin keine Sonderrolle „qua Amt“ beanspruchen. Gerade als Hauptstadt des Landes hat Berlin ein besonderes Interesse daran, Kraft und Vielfalt des föderalen, auf viele gleichberechtigten Gewichte gebauten Deutschlands zu betonen.

Was Berlin im nationalen Zusammenspiel der Kräfte lediglich (aber immerhin) ausbauwürdig macht, ist allein das Kriterium „komparativer Nützlichkeit“. Damit ist gemeint, dass sich Berlin dort und so entwickeln sollte, wo es Potenziale verspricht, die hier besonders gut (im Vergleich zu anderer Orten in Deutschland) auszuspielen sind und dann Deutschland im Ganzen Zusatznutzen einbringen.

Erstens. Diesem Grundverständnis folgend sollte man endlich Ernst damit machen, Berlin in Gebrauch zu nehmen. Folgende Überlegungen sollen Beispiele sein, wie und an was man dabei denken könnte.

Eine Hauptstadt der Machart Berlins ist eine große, die beste Bühne nicht nur nationaler, sondern auch internationaler Sichtbarkeit. Sollten die Deutschen ihre Hauptstadt nicht nutzen, um hier beispielhaft zu zeigen, an was sie arbeiten, wo sie ihre Kompetenzen sehen, was sie schon erreicht, aber auch, was sie noch nicht erreicht, sich aber vorgenommen haben? Welche Prioritäten sie gesetzt haben, wie sie sich sehen, wie sie gesehen werden wollen, wo sie sich deshalb auch als Partner anbieten? Welche internationalen Aufgaben sie sich vorgenommen haben oder vornehmen wollen, wo sie national hinwollen?

Gibt es einen besseren Platz für ein solches großes Gespräch nach außen und nach innen, der Selbstvergewisserung wie auch der Abklärung mit Partnern und Konkurrenten? Wäre das nicht auch ein wunderbares Signal der Deutschen für internationale Öffnung und Offenheit ebenso wie für Selbstbewusstsein und Leistungsbereitschaft?

Natürlich ist Deutschland und sind die Deutschen überall und auch ohne Berlin als Hauptstadt seit langem dabei, diese nationale und internationale Kommunikation zu betreiben; weil sie in Zeiten der Globalisierung immer wichtiger geworden ist und immer wichtiger werden wird. Gerade deshalb sollte man jedoch keine zusätzliche Möglichkeit auslassen.

Die EUErweiterung ist ja vor allem eine Heranführung der mitteleuropäischen Staaten an den bisher nur westeuropäischen Einigungsvorgang. Ist da nicht Deutschland (das einzige aus ehemals Ost und ehemals West bestehende Land, das einzige Land mit im Westen wie im Osten aufgewachsenen und erfahrenen Menschen) das unübertrefflich qualifizierte, aber deshalb auch das die größte Verantwortung tragende Land, um die gesellschaftlichen, die sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen Einzelfragen dieses Zusammenkommens unter den neuen Partnern zur Sprache zu bringen? Darüber zu diskutieren, aber auch Klärungen vorzubereiten und herbeizuführen, Verabredungen zu treffen? Und ist Berlin, wiederum die einzige Stadt mit der geschilderten Doppelerfahrung und obendrein die Hauptstadt dieses Landes, nicht der Ort, wo dies unbestreitbar am besten getan werden kann?

Ein wichtiges Detailthema dieses Zusammenkommens zwischen Ost und West wird sein, die regionale grenzüberschreitende Zusammenarbeit nach so langer Zeit der Trennung wieder in Gang zu bringen. Welche Erfolge dies verspricht, kann man in anderen europäischen Grenzregionen (man denke nur an Nordrhein-Westfalen und die Beneluxstaaten) leicht sehen. Ist es nicht dieses prominenteste Gebiet, nämlich das zwischen Berlin und Polen Richtung Posen und Warschau, das ein Modellfall für die gemeinsamen Regionen nun auch an der ehemaligen Ostgrenze werden müsste?

Berlin ist die internationalste Stadt in Deutschland, die mit der größten Dichte an Verbänden und gesellschaftlichen Organisationen. Auf sie richtet sich in besonderer Weise die nationale und internationale Aufmerksamkeit. Hier gibt es die meisten Journalisten unterschiedlicher Provenienz. Sollte das nicht ein für alle Städte, für alle Regionen Deutschlands günstiger Platz sein, um deren eigene Besonderheiten und Leistungen „vor großem Publikum“ vorzustellen und ins Gespräch zu bringen?

Berlin ist zurzeit für Jugendliche aus allen Ländern der weltweit vielleicht am meisten gesuchte Wohnort. Stimmt der Satz denn noch ein wenig, dass der die Zukunft hat, der die Jugend hat? Sollte man dann nicht darüber nachdenken, wie diese Attraktivität Berlins für Deutschland, zumindest für das Ansehen Deutschlands (das ja unter den Jungen international solch einen Ruf durchaus nicht hat) zu nutzen ist? Sollten die Deutschen nicht diese Gelegenheit beim Schopfe ergreifen und Berlin als einen Ort etablieren, wo die Jungen ihre Zukunft, die Zukunft ihrer Welt bedenken, formulieren? Oder auch über ihre Schwierigkeiten und ihre Träume im Umgang mit den ihnen von den Älteren vorgesetzten Welt sprechen? Kann man nicht wenigstens (wiederum in Interesse ganz Deutschlands) etwas tun, um der aktuellen Wieder-Abwanderung gerade qualifizierter Junger (für mich die zurzeit deprimierendste Beobachtung in der Stadt) aus Berlin mangels auch nur annähernd akzeptablen Arbeitsplatzangebots entgegenzuwirken?

Das große und beständige Vermögen Berlins als ein Kraft- und Entwicklungszentrum für Kunst und Wissenschaft ist – auch und gerade international – außer Zweifel. Ist es richtig, dass Wissenschaft und Kultur immer mehr als die grundlegenden Entwicklungsbedingungen für die zukünftige Leistungskraft von Gesellschaft und Wirtschaft angesehen werden (also mehr als nur Abendunterhaltung für Kulturinteressierte)? Ist es dann nicht mindestens prüfenswert, ob nicht Deutschland, wenn es schon über einen derart positionierten Ort verfügt, daraus etwas für sein internationales Standing machen könnte? Wohlgemerkt: nicht um Berlin zu helfen, sondern um sich im nationalen Interesse auf einem Zukunftsfeld zu stärken.

Zweitens. Was ist zu tun? Als es um den Umzug der Regierung, aber auch der Verbände nach Berlin ging, wurden überall teilweise aufwendige Stellen eingerichtet, die als Umzugsbeauftragte einen möglichst reibungslosen und vielleicht sogar produktiven Umzug organisieren sollten. Sie alle haben sehr erfolgreich gearbeitet. Die Frage ist, ob sich für alle nicht Ähnliches für diese zweite, die inhaltliche Ingebrauchnahme Berlins lohnen würde. Man müsste dazu die in Frage kommenden Akteure, wenn sie es nicht schon selbst umgesetzt haben, an die zusätzlichen, mit Berlin verbundenen Aktionsmöglichkeiten erinnern, einen Anstoß zu eigenem Handeln geben.

Es könnte erfolgversprechender sein, sich gemeinsam an die Arbeit zu machen. Dabei sollte nicht nur jeder für sich seine Ideen entwickeln (sei es nun zu Ost/West oder Jugend oder Kultur), sondern nach Synergieeffekten, gegenseitigen Abstimmungen fragen, verfolgenswerte Ideen suchen und Erfahrungen austauschen. Wer stößt so was an, wer organisiert es?

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