Berlin : Der Baby-Faktor

Deutschlands beliebtester Arbeitgeber kommt aus Berlin: Die Skandia-Versicherung macht es Eltern leicht

Fatina Keilani

Der kleine Emil hat es gut. Seine Mama arbeitete früher freiberuflich bei der schwedischen Skandia-Versicherung und hoffte auf eine Festanstellung, dann wurde sie schwanger. Bei anderen Firmen hätte sie den festen Job wohl erst einmal vergessen können – Skandia stellte sie trotzdem ein. Für seine Personalpolitik wurde der Finanzdienstleister von den Unternehmensberatern Hewitt und Kienbaum kürzlich zum attraktivsten Arbeitgeber Deutschlands gekürt. Im deutschen Büro von Skandia, das mit etwa 300 Mitarbeitern in Berlin sitzt, sind derzeit 14 Prozent der weiblichen Beschäftigten entweder schwanger, in Mutterschutz oder Elternzeit.

Von einer familienfreundlichen Personalpolitik haben nicht nur die Frauen was, sondern auch die Unternehmen. Das fand eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos heraus, die das Bundesfamilienministerium in Auftrag gegeben hatte. Danach brachten familienfreundliche Maßnahmen bei den untersuchten Unternehmen unter dem Strich Einsparungen von mehreren 100 000 Euro. Je länger Eltern – meist Mütter – wegbleiben, desto teurer wird es für den Arbeitgeber, sie nach der Rückkehr wieder auf den neuesten Stand zu bringen.

40 Prozent der deutschen Frauen, die Mutter geworden sind, kommen laut Studie nicht mehr zurück in den Betrieb – ihr Know-how ist verloren. Damit sich das ändert, hat die Bundesregierung jetzt einen Gesetzentwurf vorgelegt, der am Montag im Bundestag beraten wurde. Ab 2005 soll sichergestellt sein, dass für alle unter Dreijährigen Tagesbetreuungsplätze vorhanden sind. So will man die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erhöhen. Auf diesem Feld liegen die Deutschen in Europa nicht gerade vorn.

Die Schweden hingegen schon. „Seit Emil drei Monate alt ist, arbeite ich 30 Stunden die Woche – drei Tage im Büro und einen Tag von zuhause aus“, sagt Emils Mutter Viola Ebbighausen. Die 37-Jährige ist bei Skandia für die interne Kommunikation zuständig, da empfiehlt es sich, anwesend zu sein. Wie andere Mütter oder Väter auch, hatte sie die Wahl. Auf Wunsch richtet die Firma der Mitarbeiterin oder dem Mitarbeiter ein Home-Office ein, stellt also Computer, Drucker, Fax oder was gebraucht wird, beim Arbeitnehmer zuhause auf. So fangen viele schneller wieder an zu arbeiten, und das spart der Firma Geld.

Auch Sonja Litti will das in Anspruch nehmen. Sie ist jetzt im siebten Monat; sechs Monate nach der Geburt möchte sie wieder einsteigen, dann aber von zuhause aus. Die 27-Jährige ist für die Vertragsbearbeitung zuständig. „Ich würde aber auch eine andere Aufgabe übernehmen, um von zuhause aus arbeiten zu können“, sagt sie. Denn ganz uneingeschränkt funktioniert das mit dem Home-Office nicht. „Wir versuchen es möglich zu machen, wo es geht“, sagt Personalchef Klaus Vogel. „Das hängt aber auch von unserem eigenen Bedarf ab.“ Denn natürlich zählen auch bei Skandia am Ende die Zahlen. Die aber können sich sehen lassen. Schon 2002 war ein Rekordjahr für die Firma mit weltweit 6000 Mitarbeitern, deren Zentrale in Schweden sitzt. 2003 legte die deutsche Skandia nochmal zweistellige Zuwachsraten obendrauf. Natürlich geht das leichter, wenn man klein ist; dennoch ein beachtlicher Erfolg.

Die familienfreundliche Politik der Schweden rechnet sich durchaus, und Personalchef Vogel weiß das auch: „Es ist für mich ein Gewinn, auf das Potenzial zurückgreifen zu können, das die Mitarbeiterin hier aufgebaut hat.“ Jemand anderen zu finden, einzuarbeiten und dann wieder zu entlassen, sei kompliziert und teuer. Da ist Variante eins deutlich gewinnträchtiger. Die eingangs zitierte Studie belegt das auch mit Zahlen. Je länger jemand wegbleibt, desto mehr Geld muss in die Schwangerschaftsvertretung investiert werden, obwohl die oft nur übergangsweise bleibt – verlorenes Geld also. Nach Rückkehr der Mutter muss diese wiederum eingearbeitet werden: „Es gab auch Fälle, wo es bei Rückkehr der Mitarbeiterin ihren alten Job gar nicht mehr gab“, sagt Vogel.

Die Firma Schering, mit gut 10 000 Beschäftigten einer der größten Berliner Arbeitgeber, bietet deshalb nicht nur Teilzeit, Telearbeit, einen Betriebskindergarten und Hilfe bei der Suche nach Tagesmüttern, sondern auch regelmäßige Seminare für Mitarbeiter in Elternzeit. So verlieren sie nicht den Anschluss, sondern bleiben auf dem Laufenden – und sind hinterher leichter wieder einzugliedern. Was das an Geld spart und ob die familienfreundlichen Maßnahmen die Produktivität und Motivation der Mitarbeiter steigern, hat man bei Schering nach Angaben einer Unternehmenssprecherin noch nicht ausgerechnet.

Viola Ebbighausen sagt aber: „Meine Motivation ist sehr hoch, gerade weil ich weiß, dass ich arbeiten kann, wie ich möchte.“ Noch sind es fast ausschließlich Frauen, die wegen der Kinder zuhause bleiben. Wenn Sohnemann Emil einmal groß ist, hat sich das vielleicht auch geändert.

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