Berlin : Der Baumeister des steinernen Berlin

Feinde hat er viele, Verdienste nicht weniger. Seit der Wende bestimmt Stimmann maßgeblich über das Bild der Stadt – und ihr Zusammenwachsen

Falk Jaeger

„Wir machen Baukunst, und da ist es unsere erste Aufgabe, Schönheit zu produzieren, ohne dass wir unsere Erinnerung verlieren.“ Der das sagt, ist seit 15 Jahren Staatssekretär und Senatsbaudirektor in Berlin, und er tut Unerhörtes, denn unter Architekten darf man über alles reden, über Funktion, über Konstruktion – nur nicht über Schönheit. Und schon gar nicht über Architektur der Erinnerung, beides ist seit Aufkommen der Moderne vor knapp hundert Jahren gründlich verpönt. Doch Stimmann, der heute 65 Jahre alt wird, hat aus seinem Herzen nie eine Mördergrube gemacht.

Der damalige Bausenator Wolfgang Nagel hatte den gelernten Maurer, promovierten Stadtplaner und damaligen Lübecker Bausenator-Kollegen 1991 nach Berlin geholt. Berlin sollte Hauptstadt werden, zwei Hälften sollten zu einer Stadt werden, da war eine ordnende Hand vonnöten. Und Hans Stimmann hatte rasch eine klare Vorstellung vom Werden Berlins. Man muss in der Reihe seiner Vorgänger schon bis Martin Wagner, den Stadtbaurat 1926 - 1933 zurückgehen, um auf eine Persönlichkeit mit ähnlich starker Gestaltungskraft zu stoßen.

Stimmanns Idealvorstellung von Berlin lässt sich vielleicht am besten durch sein Feinbild verdeutlichen: Hans Scharoun, der Architekt des Kulturforums, der um 1950 als kurzzeitiger Stadtbaurat von Gesamt-Berlin seinen Plan der offenen, luftigen, durchgrünten Stadt verfolgte. Doch nicht nur Scharouns moderner Städtebau ist Stimmann ein Graus, auch dessen leichte, transparente, expressive Architektur passt ihm nicht ins „steinerne Berlin“, wie er sein Bild dieser Stadt auf den Begriff bringt.

Er hatte sich rasch die Doktrin von Josef Paul Kleihues zu eigen gemacht, die jener als Leiter der Bauausstellung IBA 1984/87 propagiert hatte: die „kritische Rekonstruktion“. Dabei geht es um die Wiedergewinnung der historischen, durch Krieg und Nachkriegsstadtplanung zerstörten Straßenräume durch Neubebauung der ehemaligen Blockränder. „Kritisch“ hieß für Kleihues, nicht Stadtgeschichte sklavisch nachzubauen, sondern zu hinterfragen, zu interpretieren, mit Neuem zu konfrontieren – neue Architekturformen eingeschlossen.

Wenn sich Hans Stimmann über die Jahre immer mehr Opposition heranzog, so auch deshalb, weil er dieses Moment des Kritischen eher klein geschrieben hat, umso größer dafür die Rekonstruktion, mit steinernen Fassaden, mit der viel gescholtenen Traufhöhenbegrenzung auf 22 Meter und mit dem Blockrandzwang. Unvergessen, wie er Nicholas Grimshaws Entwurf für die Industrie- und Handelskammer, das „Gürteltier“ mit seiner gebauchten Fassade, gerade richten ließ, um es an den Blockrand der Fasanenstraße zu zwingen – und damit einen großen Wurf banalisierte. Zahlreiche internationale Architektenstars, die am neuen Berlin mitbauen wollten, sahen sich in Stimmanns Korsett gezwängt und mit ihren Arbeiten auf Berliner Normalmaß zurechtgestutzt. Festgeschrieben ist sein städtebauliches Leitbild im „Planwerk Innenstadt“, das er erarbeiten ließ und dem alle Baumaßnahmen in der Innenstadt unterworfen sind. Dort ist zu sehen, wie die breiten Verkehrsschneisen der 60er und 70er Jahre rückgebaut werden sollen, ob an der Urania oder am Molkenmarkt.

„Ich bin ein mächtiger Mann“, hat er einmal einem Redakteur der Fachzeitschrift „Baumeister“ in den Block diktiert. Über dieses Selbstverständnis lässt er sein Gegenüber bis heute nie in Zweifel. Mit Eloquenz und seiner felsenfesten Überzeugung gelang es ihm in der hitzigen Gründerzeit nach der Wende, aufgeputschte Developer und Investoren zu besänftigen und für seine Sache zu gewinnen.

Seine Macht endet freilich immer öfter dort, wo er nicht umhin kann, den für die Stadtentwicklung dringend benötigten Investoren das Haus zu bereiten. Auch an den Türen der Firmen wie Sony, der Botschaften und der Akademie der Künste endete sein Einfluss. Er musste sie bauen lassen, was sie für wünschenswert hielten. So kam es, dass Helmut Jahn seine Eiswürfel Sony-Center und Kranzler-Eck in die Stadt klotzen konnte, dass Libeskind seinen Titanenblitz Jüdisches Museum in die südliche Friedrichstadt einschlagen ließ und selbst Intimfeind Günter Behnisch, noch gar am Pariser Platz – der „guten Stube“ Berlins – Stimmann mit dem gläsernen Akademiebau ärgerte.

Diese internationalen Stars allerdings führt Stimmann dann gern als Argument ins Feld, wenn ihm Architekten vorwerfen, nur provinziell-berlinisch bauen zu lassen und in zahllosen Wettbewerben immer nur dieselben, ihm zugetanen Kollegen wechselweise einzuladen oder ins Preisgericht zu holen. Stellt man die Modelle der zahlreichen Schulen, Sporthallen und Dienstgebäude, die in den vergangenen 15 Jahren in allen Bezirken errichtet wurden, nebeneinander, so ähneln sie sich in der Tat gewaltig.

„Es ist das Mindeste, dass ein Senatsbaudirektor eine Haltung hat.“ Das ist sein Credo. Die Freiheit, zu bestimmen, was gut und was schön ist, nimmt er sich heraus. Doch viele Architekten mit etwas anderer Ausrichtung bekamen in der Stadt kein Bein auf die Erde. Kaum ein Berliner Architekt, der nicht eine Leidensgeschichte zu erzählen wüsste, in dem der mächtige Mann eine Rolle spielt. Viele können die Zeit nach ihm kaum erwarten. Außerhalb der Stadt gilt Berlin unter Baukünstlern bereits als geschlossenes Territorium, wo es sich nicht lohne, ein Engagement überhaupt zu erwägen.

Die öffentliche Meinung über seine Arbeit weiß Stimmann gerne unter Kontrolle. Als im Abgeordnetenhaus Klagen über seine autokratische, beratungsresistente Herrschaft laut wurden, beschied er eine diesbezügliche Anfrage mit dem Verweis auf die „Berliner Architekturgespräche“, in denen ständig aktuelle Fragen der Architektur- und Planungsvorhaben des Senats öffentlich diskutiert würden. Tatsächlich sind seit 1992 an die 80 gut besuchte Veranstaltungen abgehalten worden. Wer da freilich auf dem Podium sitzen darf und wem welche Fragen gestellt werden, bestimmt der Moderator – der Senatsbaudirektor höchstselbst. Missliebige Beiträge werden mit einem „Brubbeln“ (Taz) begleitet, das nicht selten in verbalen Ausfällen kulminiert.

Das Grummeln bei Architekten und Politikern ist vernehmlich, doch überzeugende Alternativen zu Stimmanns Baupolitik weiß keiner zu nennen. Manch einem behagen die glatt polierten Granitfassaden des Architektenkartells nicht, als dessen Boss man den Senatsbaudirektor immer vermutete, doch der Stadt ein Gesicht wiedergegeben zu haben, das streitet ihm keiner ab. Stimmann bleibt noch bis zur Wahl im Herbst im Amt. Den Stadtkörper geheilt, den Stadtraum wiedergewonnen zu haben, ist ein bleibendes Verdienst, von dem spätere Generationen profitieren können – wenn sie auch die Fassaden auswechseln mögen.

Der Autor ist Professor für Architekturkritik und Publizist.

LEBENSLAUF

AUSBILDUNG

Der gebürtige Lübecker macht nach der mittleren Reife eine Maurerlehre, besucht dann die Ingenieurschule für Bauwesen (Abteilung Architektur), studiert an der TU Berlin, ist 1975 Doktorand am Institut für Stadt- und Regionalplanung der Technischen Universität und promoviert.

BERUFSKARRIERE Stimmann begann als Technischer Referent beim Bausenator in Berlin (1977), geht zurück in den Norden, wird Mitarbeiter am Institut für Regionalplanung der TU Hamburg-Harburg. 1986 beruft ihn Lübeck in das Amt des Bausenators – das entspricht einem Stadtrat. Fünf Jahre später ist er wieder in Berlin, als Senatsbaudirektor. Stimmann ist SPD-Mitglied.C. v. L.

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