Berlin : Der Baumjob

Silvia Knöfel ist Berlins erste Revierförsterin. Sie kümmert sich in den Müggelbergen um leidende Eichen und freche Schweine

Stefan Jacobs

Das Accessoire der Försterin erfüllt die Erwartungen nicht ganz: Ein kaum kniehohes weißes Hündchen mit zwei braunen Flecken, das zittert und so laut kläfft, dass fast die Vögel von den Bäumen fallen. Silvia Knöfel lacht. „Versuchen Sie mal, an mein Auto zu kommen, wenn der drin ist!“ Der Hund sei amtlich geprüft, zur Suche nach Wild geschult und nehme es auch mit Wildschweinen auf. „Und das Zittern machen Terrier meistens. Aus Tatendrang.“

Silvia Knöfel, 30 Jahre alt, Diplom-Forstingenieurin, ist Berlins erste Revierförsterin des 21. Jahrhunderts. Tochter eines Försters, Schwester einer Försterin, aufgewachsen in einem Forsthaus bei Schweinfurt in Unterfranken. Und nach der Pensionierung ihres Vorgängers verantwortlich für das größte der 29 Berliner Reviere, in Köpenick zwischen Großem Müggelsee und Dahme. 1100 Hektar, was umgerechnet und ohne Bäume fast 1500 Fußballfeldern entspräche. „Ein sehr schönes Revier“, sagt Silvia Knöfel. Mit ihren fünf Mitarbeitern bewirtschaftet sie nicht nur die Biotope an Müggel- und Teufelssee, sondern auch diese wunderbare Endmoräne, die der Volksmund Müggelberge nennt. Sogar eine Dachsburg gibt es im Revier, „die ist noch befahren“ – ja, so heiße das. Aber der Dachs ist ihr noch nicht begegnet.

Sie lacht gern und hat einen Teint, der nur mit Büroarbeit nicht zu bekommen ist. Außerdem denkt sie positiv, sagt: „Die Wildschweine in Berlin sind viel zivilisierter als da, wo ich herkomme.“ Zivilisiert bedeutet in diesem Fall, dass Hauptstadtbachen nicht zurückweichen, während die fränkischen beim Anblick eines Menschen über alle Berge flohen. Dass die Schweine nicht nur Wald, sondern auch Gärten pflügen, sorgt sie nicht. Sie rät: keine Küchenabfälle in den Garten werfen und einen soliden Zaun installieren, dann passiert auch nichts. In ihrer Heimat war sie im Wald meist allein, was ihr in Berlin kaum gelingen wird. Aber auch das sieht sie positiv: Sie mag die Menschen; besonders solche, die ihre Hunde anleinen und im Wald nicht rauchen. Dass drei Meter neben ihr gerade ein Kollege mit Zigarette steht, sei aber in Ordnung: Forstleute dürften das, weil sie die Gefahren besser einschätzen könnten und Raucherpausen für Waldarbeiter schwer zu organisieren seien. Zu tun gebe es genug; im Winter vor allem Holzeinschlag, zumal man ja auch hier weg von der Monokultur der Kiefern und hin zu mehr Mischwald wolle. Wobei die Eichen im Revier so kränkelten wie anderswo.

Warum Forstwirtschaft meist Männersache ist, weiß Silvia Knöfel auch nicht. Sie ist es jedenfalls seit der Fachschule gewohnt, und einen speziellen weiblichen Zugang zum Wald sieht sie nicht: „Ich erfreue mich zwar morgens daran, durch den Wald zu gehen und die Sonne aufgehen zu sehen – aber das geht Männern ja vielleicht genauso.“ Ängstlich sei sie jedenfalls nicht, zumal sie ja schon als kleines Mädchen durch den dunklen Frankenwald musste und jetzt den unterschätzten Hund an ihrer Seite hat. Der heißt übrigens Benny, wedelt nun sehr euphorisch mit dem Schwanz und kläfft auch nicht mehr. Ein Parson-Russell-Terrier, erklärt Silvia Knöfel. Noch kein typischer Jagdhund, aber „die sind im Kommen“, weil sie wendig seien und leicht: „Wenn wirklich mal ein Wildschwein den Hund hochschmeißt, dann schlitzt es ihn nicht gleich von oben bis unten auf.“ So hat man mehr erfahren, als man wissen wollte, und kann Silvia Knöfel allein im Wald zurücklassen. Sie wird ihn ab jetzt immer haben, denn zum Förstersein gehört auch, im Forsthaus zu wohnen. Sie freut sich drauf.

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