Berlin : Der Beat der wilden Jahre

Bob Gruen war John Lennons Freund und Hausfotograf. Jetzt stellt er seine Bilder in Berlin vor

Lars von Törne

Eigentlich wollte Bob Gruen diese Geschichte nie jemandem erzählen. Sie handelt davon, wie ein besoffener Mann auf einer Party lautstark seine Frau betrügt, während die im Nebenraum sitzt und alles mit anhört, und im Hintergrund läuft ein todtrauriger Dylan-Song. Eine unschöne Geschichte, die nicht zu jenem strahlenden Bild passt, das die Öffentlichkeit von jenem Mann hat, um den es geht.

Aber dann entschloss sich Gruen doch, davon zu erzählen, nachdem John Lennons Frau Yoko Ono den Vorfall in einem Interview erwähnt hatte. Also findet sich die Anekdote neben Dutzenden persönlicher Erinnerungen in Gruens neuem Buch, einem Bildband des 60-jährigen Fotografen über seinen Freund John Lennon und dessen New Yorker Jahre bis zu seiner Ermordung am 8. Dezember 1980.

„Natürlich ist es schmerzhaft, Szenen wie die mit dem Seitensprung zu lesen – aber es war noch schmerzhafter, damals dabei zu sein“, sagt Bob Gruen im Gespräch und lacht mit einer verrauchten Stimme, die vom Leben an der Seite der Rockstars gezeichnet ist. Der New Yorker ist in Berlin, um für die deutsche Ausgabe seines Buches zu werben. Darin zeigt Gruen in mehr als 150 Bildern und tagebuchartigen Texten, wie sich Lennon zwischen Anfang und Ende der siebziger Jahre verwandelte: Vom wilden, egozentrischen aber unwiderstehlich charismatischen Rockstar zum verantwortungsvollen Familienvater, der sich seinem Sohn zuliebe ganz ins Private zurückzieht.

„John änderte sich innerhalb eines Jahres radikal“, berichtet Gruen, der mit seinen grauen Locken, dem blauen Seidenhemd und der engen schwarzen Lederhose selbst wie ein in die Jahre gekommener Rockstar aussieht. Es war ein Jahr voller Exzesse, in dem der Musiker bei Yoko Ono auszog und sich austobte. Sex und Drogen und Rock’n’Roll eben, wie es ihm zu Beatles-Zeiten nicht möglich gewesen ist, sagt Gruen. „Danach war alles anders: Er vertrug sich wieder mit Yoko, kam zur Ruhe und lebte von da an so gesund wie nie zuvor.“ Davon erzählen viele persönliche Aufnahmen, die das berühmte Paar bei Spaziergängen, im Studio und in ihrer Wohnung zeigen, zu zweit und später auch mit seinem Sohn Sean, der gut neun Monate nach dem Ende jenes wilden Jahres zur Welt kam.

Gruen beschreibt Lennon als liebenswerten, witzigen Idealisten, der immer im Mittelpunkt stand, aber bei privaten Gesprächen ein überraschend guter Zuhörer war und selbstironisch sein konnte – „anders als die meisten anderen Rockstars, bei denen es immer heißt: Ich, Ich, Ich.“ Gruen und Lennon lernten sich 1971 kennen, ein Jahr nach Auflösung der Beatles. „Er war stolz, Mitglied der Beatles gewesen zu sein“, sagt Gruen, „aber vermisst hat er die Zeit nie.“ Als ein Fan Lennon einmal zurief, wann er wieder mit den Beatles spiele, habe der geantwortet: Und wann gehst du zurück auf die Schule? „Ihm war klar, dass man nicht sein Leben lang Teenager bleiben kann“, sagt Gruen.

Der Fotograf verbrachte viele Tage und vor allem Nächte an der Seite Lennons. Er war dabei, als Paul McCartney zu Besuch kam, fotografierte spontane Sessions mit Mick Jagger oder Elton John und saß so manche Nacht mit John, Yoko und anderen Musikern in Lennons Lieblingsbar „Home“. Was den Rockstar tief in seinem Innern antrieb, kann Gruen dennoch nur erahnen. „Ich war ja nicht sein Psychiater, sondern sein Kumpel.“ Er habe zwar in Lennons Auftrag tausende Fotos von ihm gemacht, aber ihn nie über Dinge ausgefragt, die er nicht von sich aus erzählen wollte. „Wenn du nachts um drei mit jemanden in eine Bar fährst, um zu feiern, fragst du nicht: Wie war deine Kindheit?“, sagt Gruen spöttisch.

Wenn der Fotograf, der heute Musiker wie Green Day oder Ryan Adams fotografiert, auf jene Jahre zurückschaut, geht es ihm ein wenig wie John Lennon beim Rückblick auf die Beatles: „Es waren wilde, wunderbare Jahre – aber man will nicht ewig sein Leben in einem Tourbus mit betrunkenen Zwanzigjährigen verbringen.“

Am heutigen Freitag stellt Bob Gruen sein Buch in der Zentral- und Landesbibliothek vor (Breite Straße 32-34, Mitte, 19 Uhr, Eintritt frei, Fotoausstellung bis 21. Januar 2006, Mo.-Fr. 10-21 Uhr, Sa. 10-19 Uhr). Eine zweite Ausstellung wird ab diesem Sonntag in der Kastanienallee 32 (Hinterhof , Prenzlauer Berg) gezeigt, sie läuft bis 7. Januar 2006, Do.-So. 14-20 Uhr.

— Bob Gruen:

„John Lennon. Die Jahre in New York“, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 39,90 Euro

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