Berlin : Der Befehlsempfänger

Steffi Bey

Anton hält Carolin in Schwung. Oder ist es umgekehrt? Jedenfalls gehören beide fest zusammen, da ist sich die 29-jährige Kreuzbergerin ganz sicher. "Wir sind ein eingespieltes Team", sagt die junge Frau, die an Multipler Sklerose leidet und im Rollstuhl sitzt. Anton öffnet die Türen, knipst das Licht an, hebt heruntergefallene Sachen auf und bringt das Telefon.

Der achtjährige Rüde versteht ungefähr 20 verschiedene Befehle und führt sie auf Kommando aus. Doch manchmal geht es auch ohne Worte. Dann legt Carolin ihre Hand auf das weiche, glänzende Fell des Golden Retrievers und streichelt langsam darüber. Anton drückt sich in solchen Momenten noch dichter an sein Frauchen und brummt genüsslich. Auch dieses lautlose Signal begreift er. "Er spürt, wenn es mir besonders schlecht geht", sagt Carolin. Sie weiß, dass sie ohne ihren trainierten Mitbewohner nicht mehr leben könnte. Anton war schon mehrmals der Retter in letzter Minute. Als Carolin in ihrer Wohnung umgefallen war, öffnete er auf ihr Signal die Tür und bellte auf Kommando. Aufgeschreckt eilten Nachbarn herbei und holten Hilfe.

Manchmal erledigt der Hund auch Dinge, die ihm besonders viel Aufmerksamkeit einbringen. Wenn beide durch ein Kaufhaus "bummeln", bezahlt er zum Schluss. Anton springt dann am Tresen hoch und lässt das Portemonnaie fallen. "Das machen wir aber nur, wenn wir den Laden kennen", sagt Carolin Mähler. Und während sie über "das liebste, was sie besitzt" erzählt, klingelt das Telefon. Anton springt auf, wartet aber das Signal ab. "Hol mir das Telefon", sagt Frauchen betont freundlich. Anton schnappt den Hörer, gehorcht auf "Schön festhalten" und lässt erst beim "Aus" das Plastikteil in Carolins Hand fallen. "Das hast Du toll gemacht", lobt sie ihren Hund. Je näher er ans Ziel kommt, desto angenehmer spricht Carolin. "Damit will ich ihn ermutigen", sagt sie. Solche Tipps hat ihr vor fünf Jahren der Verein "Hunde für Handicaps" mit auf den Weg gegeben. Die Kreuzbergerin holte Anton von diesem Verein. "Es war wirklich Liebe auf den ersten Blick", erinnert sich die Behinderte. Der Hund wich ihr nicht mehr von der Seite. In einem vierzehntägigen Kurs gewöhnten sich beide aneinander.

Etwa 30 Hunde legten bislang die aufwendigen Prüfungen ab. "Nicht jeder Vierbeiner kann Behinderten im Alltag zur Seite zu stehen", erklärt Andreas Bahn vom Verein. So dürfen sie auf keinen Fall aggressiv oder schreckhaft sein und müssen freundlich bleiben - gegenüber Menschen, aber auch gegenüber Tieren. Besonders geeignet sind Golden Retriever. "Sie haben von Geburt an eine besondere Anlage zum Apportieren", sagt Bahn. Carolin glaubt, dass sich durch Anton ihre Krankheit wenigstens nicht verschlechtert hat.

Hunde für Handicaps

Der Verein "Hunde für Handicaps" feierte am vergangenen Wochenende sein zehnjähriges Bestehen. Ausgebildet werden die Tiere auf einem Übungsplatz in Buch. Während dieser Zeit leben sie in Patenfamilien. Wer einen Begleithund erwerben will, muss einen Symbolpreis von 3000 Mark zahlen. Kontakt: Boxhagener Straße 93, 10245 Berlin, Tel.: 294 92 000.

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