Berlin : „Der Beginn einer neuen Ära“

Wie türkische Blätter über die Beitrittsverhandlungen zur EU berichten

Suzan Gülfirat

In einer Krisensitzung haben die EU-Außenminister vor einer Woche den Weg für den Beginn der Verhandlungen mit der Türkei freigemacht. Als am Montag vergangene Woche die Verhandlungen begannen, waren die Titelseiten der türkische Zeitungen zur Feier des Tages ganz in Blau gedruckt mit gelben Sternen drauf, wie die EU-Fahne. „Der Beginn einer neuen Ära“, titelten die Blätter.

Das Thema blieb beherrschend: Auch gestern noch beschäftigten sich die Aufmacher der Hürriyet und der Milliyet mit der EU. Nur die religiöse Türkiye machte das Erdbeben in Pakistan als einzige der drei großen Zeitungen zur bebilderten, großen Titelgeschichte. „Unendliches Leid in Pakistan“, hieß es in der Überschrift. Die Anteilnahme ist groß, denn 96 Prozent der Bevölkerung in Pakistan sind sunnitische Muslime – wie die meisten Menschen in der Türkei. Aber ohne EU kam selbst die Türkiye auf ihrer ersten Seite nicht aus. Sie widmete dem Thema eine breite, lange Spalte neben dem Aufmacher.

Längst haben die Zeitungen, die in Deutschland erscheinen, ihre Perspektiven gewechselt. Der Blick in der Berichterstattung ist inzwischen vor allem auf Deutschland gerichtet, wo die größte türkische Gemeinde außerhalb der Türkei lebt. Der Widerstand der CDU gegen den Beitritt des islamisch geprägten Landes wird deshalb immer wieder aufgegriffen.

Die meisten Artikel der Europaseiten beschäftigen sich mittlerweile mit Ereignissen aus der deutschen Hauptstadt. Am Sonntag machte zum Beispiel die Türkiye die Verleihung des Integrationspreises an die Neuköllner Franz-Schubert-Schule und die Kiezoase Schöneberg zum Aufmacher. Darunter brachte die Zeitung einen Bericht über den ersten Deutsch-Türkischen Mediziner-Kongress im Charité-Klinikum Benjamin Franklin in Steglitz. Die Berliner Ärzte wollen sich jetzt verstärkt um die gesundheitlichen Probleme der Migranten kümmern, berichtete die Zeitung: „Integrationsbeauftragter Günter Piening erklärte, dass die Türken in Berlin auf dem Sektor der Gesundheit große Sprachprobleme haben und oft Dolmetscher mitnehmen müssten.“ Tatsächlich berichten Mediziner von erheblichen Kommunikationsschwierigkeiten mit den Patienten; auf 1400 Türken kommt in Berlin nur ein türkischer Arzt. In der Überschrift zitierte die Zeitung einige Betroffene: „Wir können unser Leid nicht erklären!“, stand da beispielsweise. Die Milliyet und der Hürriyet vermeldeten den Gesundheitskongress nur kurz.

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