Der Berliner Boden : Geschichten aus dem Untergrund

Märkischer Sand, Kohle, Gas – und sehr viel Wasser. Neun Blicke auf all das, worauf diese Stadt gebaut ist und wie es unser Leben beeinflusst.

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In Berlin-Buch wird ein Loch für eine neue Grundwassermessstelle gebohrt. Anhand der zutage geförderten Sedimente, lässt sich die geologische Vergangenheit der Stadt erkunden.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
28.06.2012 17:37In Berlin-Buch wird ein Loch für eine neue Grundwassermessstelle gebohrt. Anhand der zutage geförderten Sedimente, lässt sich die...

Metall klirrt, ein Motor heult, der Boden bebt. Bohren ist nichts für Weicheier. Immer wieder donnert der zwei Meter lange Stahlzylinder in die Tiefe, schnappt sich Sand und Kies vom Boden des Lochs und frisst sich so immer tiefer hinein: in den Untergrund Berlins. Nord-Berlins, um genau zu sein. Auf einem schmalen Grasstreifen zwischen der Schönerlinder Chaussee und einer Weide für Zuchtbullen steht der blaue Spezial-Lkw, den der Bohrmeister nach Belieben aufheulen und erzittern lässt, auf dass der Bohrer die tiefen Schichten zutage fördert. Gibt es hier Bodenschätze? Wird Berlin-Buch bald aussehen wie Baku vor hundert Jahren oder die Landschaft aus dem „Dallas“-Vorspann: Bohrtürme bis zum Horizont, die massenweise Erdöl heraufholen?

Schön sähe es zwar nicht unbedingt aus, aber die Stadt wäre umgehend ihre Finanzsorgen los. Doch: „Daraus wird erst mal nichts“, sagt Alexander Limberg. „Hier entsteht eine neue Grundwassermessstelle.“ Limberg ist Leiter der Gruppe Geologie und Grundwassermanagement in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Man könnte ihn auch als Chefgeologen des Landes Berlin bezeichnen. Ihm geht es um eine andere Ressource, die Berlin in großer Menge zu bieten hat. Noch.

„Wir sind die einzige Großstadt in Mitteleuropa, die ihren Bedarf an Trinkwasser ausschließlich mit eigenen Vorkommen aus dem Untergrund decken kann“, sagt Limberg. Damit das so bleibt, muss das Grundwasser ständig überwacht werden, um Veränderungen oder gar Verschmutzungen schnell zu erkennen. Dafür sind Grundwassermessstellen da: lange PVC-Rohre in die Tiefe, über die Proben entnommen und Schwankungen des Wasserstands gemessen werden können. Rund 2000 davon gibt es im gesamten Stadtgebiet. Bald wird es noch eine mehr sein.

Dafür muss jedoch ein Loch gebohrt werden – ein hervorragender Anlass, einmal die tiefen Stockwerke der Stadt zu erkunden.

Alexander Limberg ist der Chefgeologe des Landes Berlin. Er und seine Mitarbeiter sind zuständig für die Nutzung des Untergrundes, von der Wassergewinnung über Erdwärmenutzung bis zu großen Baumaßnahmen.
Alexander Limberg ist der Chefgeologe des Landes Berlin. Er und seine Mitarbeiter sind zuständig für die Nutzung des Untergrundes,...Doris Spiekermann-Klaas

1. REISE DURCH DIE ZEIT

Mit jedem Meter, den der Bohrer in die Tiefe vordringt, wühlt er sich zugleich tiefer in die Erdgeschichte. Denn der Untergrund Berlins ist so ähnlich aufgebaut wie eine Kleckerburg am Strand: Schicht für Schicht wurden im Lauf der Jahrtausende Sand und Kies abgelagert. Oben das jüngere, was unten liegt, ist älter. „Die obersten Schichten, die für uns interessant sind, haben wir alle den Eiszeiten zu verdanken“, sagt Limberg. „Hätten die riesigen Gletscher aus dem Norden, die teilweise bis zum Erzgebirge reichten, nicht so viel Sand und Steine in unsere Region geschoben, würde Berlin heute 30 Meter unter dem Meeresspiegel liegen.“

Die kleinen Erdbeben haben inzwischen aufgehört, der Bohrmeister hat den Stahlzylinder an die Oberfläche geholt, wo sein Kollege den Inhalt in einen grauen Plastikeimer schüttet. Grauer Schlamm. Das Grundwasser fängt hier drei Meter unter der Wiese an, alles, was tiefer liegt, ist also „wassergesättigt“, wie Limberg sagt. Nun wird der Inhalt des Eimers in eine längliche Wanne gefüllt. „10,0 Meter“ steht auf einem kleinen Aufkleber links, „11,0 Meter“ rechts. Damit die drei Männer wissen, aus welcher Tiefe die Pampe kommt, über die sie gerade sprechen.

Limberg greift erst mal hinein, nimmt eine Portion zwischen Daumen und Zeigefinger und macht die Zahlen-Bitte-Bewegung. Körnchen kreisen, Wasser rinnt herab. „Sehr hoher Schluffanteil, Feinsand höchstens fünf Prozent.“ Nächste Portion, ein Tropfen Salzsäure drauf, der Schlamm schäumt. Das zeigt: „Kalk ist auch drin, typisch für Gletschersedimente aus dem Norden.“ Die Eismassen haben unterwegs massige Kalkschichten, wie sie etwa noch auf Rügen zu sehen sind, abgeraspelt und mit all dem anderen Kehricht unter ihrem kilometerdicken Panzer vermengt. „Nicht alles ist fein zermahlen, es finden sich auch vereinzelt größere Brocken“, sagt der Geologe, greift in die schlammgefüllte Wanne und wischt ein Exemplar sauber. Es ist rot-schwarz-grau gesprenkelt, erinnert an versteinerte Grützwurst. „Ein Stück Granit, das vom Gletscher mitgebracht wurde, entstanden vor ein paar hundert Millionen Jahren. Das ist mal wirklich ein alter Schwede.“

Die Männer vom Bohrgerät bringen die nächste Schlammpackung und lassen sie in die Wanne zwischen „11,0“ und „12,0“ klatschen. Irgendwie sieht sie etwas dunkler aus. Limberg hat seine Finger schon wieder drin. „Hier, in dem Sand finden sich auch Braunkohlestückchen“, sagt er und zieht schwarze Klumpen hervor. Okay, Öl gibt es keines, aber vielleicht könnte Berlin ja in Kohle …?

„Die Kohle ist nicht ursprünglich an dieser Stelle entstanden, sondern auch nur in kleinen Fetzen vom Gletscher hierhergeschleppt worden“, erklärt Limberg. Zwar gebe es in tieferen, älteren Schichten unter Berlin durchaus einige Kohlebänder, doch die sind selten dicker als ein, zwei Meter. „Der Abbau würde sich keinesfalls rentieren.“

2. NASSE FÜSSE

Berlin ist auf Wasser gebaut. Das zeigt bereits der Name, der vermutlich auf die slawische Silbe „berl“ zurückgeht, was „Sumpf“ bedeutet. Keimzellen der Stadt sind die Siedlungen an jener schmalen Stelle des Spreetals, wo die Hänge rasch nach Norden hin in die Barnim-Hochfläche sowie im Süden in die Teltow-Hochfläche übergehen. Hier konnten unsere Vorfahren einigermaßen bequem über den Fluss gelangen. Die übrigen Flächen im Tal dürften gerade im Sommer mückenverseuchte, modrig riechende Quartiere gewesen sein. „Das Grundwasser reicht dort bis fast an die Oberfläche“, sagt Limberg. „Entsprechend sumpfig war es lange Zeit.“ Das lasse sich an den berlintypischen Straßennamen erkennen, die auf „Damm“ enden: Mithilfe von Knüppeln, später Erdwällen, hatte man Wege durch den Sumpf angelegt. Nur in den höher gelegenen Gebieten – erkennbar an Namen wie Prenzlauer Berg, Lichtenberg, Rollberg – war man vor dem Wasser sicher.

Bis heute macht das hoch stehende Grundwasser den Berlinern zu schaffen, vor allem den Bauingenieuren. Die mächtigen Sand- und Kiesschichten lassen sich einerseits gut beiseiteschaffen. Doch die winzigen Zwickel zwischen den Körnchen bilden andererseits ein hervorragendes Netzwerk aus Myriaden kleinster Kanälchen, in dem Wasser strömen kann. Man braucht sehr starke Pumpen, um eine Baugrube trocken zu halten. Fallen die Aggregate aus, dauert es nicht lange, und das Wasser steigt wieder auf sein gewohntes Niveau.

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