• Der Berliner ist momentan erfolgreichster deutscher Techno-Künstler - und in England schon ein Superstar

Berlin : Der Berliner ist momentan erfolgreichster deutscher Techno-Künstler - und in England schon ein Superstar

Heiko Hoffmann

Sheffield, Gatecrasher-Club an einem Sonntagmorgen. Die Lizenz zum Feiern ist bereits seit einer halben Stunde abgelaufen, da holt Paul van Dyk noch seinen letzten Trumpf aus der DJ-Box. "For An Angel" ist nicht nur van Dyks größter Hit, sondern auch das Stück auf das die 3000 englischen Clubber in dieser langen Nacht gewartet haben. Das Timing ist perfekt. In der Sekunde, in der die Bassdrum aus- und die ersten Töne der von den Anwesenden verinnerlichten Melodie einsetzen, wird der Dancefloor in gleissendes Licht getaucht. Das Publikum singt ein Lied ohne Text, die Arme schwenken, Gänsehaut macht sich breit und Glückshormone purzeln munter durch den hohen Raum. Alle grinsen, auch Paul van Dyk. Er lehnt sich rüber und fragt - ohne eine Antwort abzuwarten: "Ist das nicht hundert prozentiges Clubbing?"

Hundert Prozent Clubbing, die ultimative Party. Darum geht es. Überall und in England noch ein wenig mehr. In Grossbritannien wurde vielleicht nicht das Clubbing erfunden, dafür aber das Super-Clubbing. Nur hier werden die Top-DJs von einem Riesen-Club zum anderen mit Limousinen und Hubschraubern transportiert, nur hier werden Parkett-Dancefloors mit Bassboxen ausgestattet und nur hier lässt sich das Publikum dazu verführen, zu einem virtuellen DJ-Set aus der ISDN-Leitung zu tanzen. In diesem Zweig der britischen Unterhaltungsindustrie ist der Gatecrasher in Sheffield zur Zeit die Spaßfabrik Nummer Eins und der 28jährige Berliner Paul van Dyk der DJ der Stunde. "Der Gatecrasher und sein Publikum haben Clubbing auf eine neue Form gebracht. Man könnte genauso gut auch Gatecrashing sagen", ist van Dyk überzeugt. "Die Energie und die Leidenschaft mit der dort alle Facetten des Clubbings zelebriert werden findet man sonst nirgendwo." Während andere DJs und Musikpuristen die Nase über die sogenannten Gatecrasher-Kids rümpfen, die sich mit selbstgebastelten Outfits, Kuscheltieren, Neonhaaren und Leuchtstäbchen ins Nachtleben stürzen, schätzt van Dyk die phantasievolle Hingabe der jungen Raver. Und die Crasher-Kids lieben ihn dafür. Als Paul van Dyk Anfang des Jahres mal wieder zu einem Auftritt in den Club kam entrollten die Stammgäste ein Plakat auf dem auf deutsch stand: "Lieber Mr. Paul van Dyk würden sie bitte unser Resident-DJ werden?". Seitdem kommt Paul van Dyk alle zwei Monate für ein sechsstündiges DJ-Set in den Club im Norden Englands.

Der Aufstieg des in Eisenhüttenstadt geborenen Musikers zum momentan beliebtesten DJ Englands geht Hand in Hand mit der Popularisierung von Trance, jenem emotionsgeladenen und zugänglichen Techno-Sub-Genre, das Anfang der Neunziger vor allem in Frankfurt und Berlin von Acts wie Jam & Spoon, Humate und Marmion geprägt worden ist und mit dem auch van Dyk assoziiert wird. Während Trance in Deutschland schon seit langen zu den erfolgreichsten Rave-Sounds gehört, dominierte in den großen englischen Clubs bis vor kurzem vor allem massenkompatibler House. Vor etwa drei Jahren begannen jedoch Super-Clubs wie Cream und Gatecrasher Trance in ihr Programm aufzunehmen. Zu dieser Zeit kamen auch die beiden van Dyk-Alben "45 RPM" und "Seven Ways" in England auf den Markt. Und obwohl "45 RPM" in Deutschland bereits 1994 veröffentlicht wurde, machte in Großbritannien erst die neu gemischte Version der Singleauskopplung "For An Angel" van Dyk zum Star. Nun befindet er sich dort im DJ-Olymp. Die beiden auflagenstärksten Dancezeitschriften "Muzik" und "Ministry" wählten den in Wilmersdorf lebenden und frisch verheirateten Künstler jüngst zum besten internationalen DJ und präsentierten ihn auf ihren Titelseiten, seine neue Single "Another Way" schaffte es wieder in die Popcharts, aus New York wird er mit der Concorde eingeflogen und für ein zweistündiges DJ-Set an Sylvester in Sheffield erhält er eine deutlich sechsstellige Rekordgage.

Dem einzigen ostdeutschen Popkünstler mit internationalen Charterfolgen neben Rammstein könnte es zur Zeit nicht besser gehen. Vor zehn Jahren war das noch anders. Genau eine Woche vor dem Mauerfall, am 2. November 1989, erhielten Paul van Dyk und seine Mutter eine Ausreisegenehmigung. Die DDR durften sie mit zwei Koffern und ihrem Hund verlassen. Als er sieben Tage später von einem Lauftext auf Sat1 von der Maueröffnung erfuhr, war er "erstmal alles andere als begeistert. Drei Jahre lang hatten wir gekämpft, um rauszukommen und dann erfährst du ein paar Tage später, das du diese ganzen Idioten wieder am Hals hast. Ganz zu schweigen davon, dass meine Mutter ihren gesamten Besitz verloren hatte", erinnert sich van Dyk.

Die ersten CDs die sich Paul van Dyk im Westen kaufte waren klassische britische Gitarren-Pop-Platten von Prefab Sprout und Blancmange. Schon zu DDR-Zeiten hatten es van Dyk vor allem die sehnsuchtsvollen Melodien von Bands wie The Smiths und New Order angetan. Bevor er wusste wie ein Technics Palttenspieler aussieht, wollte Paul van Dyk Gitarre spielen können wie Johnny Marr. Von Acid House erfuhr er Ende der Achtziger über Monika Dietls legendäre SFB-Sendung. "Meine Oma brachte ein Smiley T-Shirt aus West-Berlin mit und dann traf man sich mit Freunden in irgendeinem Keller in einem Neubauviertel und machte den Ghettoblaster an, um den neuesten Mitschnitt von Monika Dietls Sendung zu hören", erzählt van Dyk, der damals in Lichtenberg wohnte. Und wie alle die dann 1990/91 auf Technoparties in Berlin gingen, hörte auch Paul van Dyk den harten, minimalistischen Techno aus Detroit und Belgien. "Ich liebte die Kraft der Musik, aber dennoch fehlte mir etwas", so van Dyk. "Ich wollte Platten, die mir intensivere, komplexere Emotionen vermittelten." Nicht nur in seinen frühen DJ-Sets im Tresor und auf den Brain-Parties von Wolle Neugebauer, sondern auch in den ersten eigenen Produktionen findet sich diese Suche nach Energie und Emotionalität wieder. Während andere sich vor allem der steigenden Heftigkeit und immer schnelleren Beats widmeten, dienten Paul van Dyk die Rhythmen aus dem Drumcomputer vor allem als metronomischer Rahmen für eigene Songideen. Mit Erfolg: Sowohl sein Remix für Humates "Love Stimulation" als auch das zusammen mit Cosmic Baby unter dem Namen The Visions of Shiva entstandene "How Much Can You Take?" wurden 1993 zu Love Parade-Hymnen und gelten heute als oft kopierte Trance-Klassiker. Danach folgte der Aufstieg in die erste Liga des internationalen DJ Jet-Sets.

Doch trotz seiner Beliebtheit stand Paul van Dyk immer im Schatten prominenterer DJs. Rückblicke in den Medien auf die letzten zehn Jahre Clubkultur in Deutschland und Abhandlungen im Buchformat zum Thema sind voll von DJs wie Westbam, Sven Väth und Hell, während Paul van Dyk - wenn überhaupt - nur am Rande erwähnt wird. Ist er der klassische Fall eines Publikumsgünstlings, der von den Kritikern übergangen wird? "Für Journalisten ist es halt spannender, über ausgeprägte Charaktere zu berichten, die von Drogenexzessen erzählen können oder als Gigolo-Typ durch die Gegend reisen. Ich bin da als Person vergleichsweise uninteressant. Aber es muss auch nicht unbedingt jeder wissen was ich so mache in der Welt", sagt van Dyk und grinst wieder. Die ultimative Party ist ihm im Zweifelsfall wichtiger.

Paul van Dyk DJ-Set im Casino (Saarbrücker Straße/Prenzlauer Allee), Freitag 17.12., 23 Uhr. Auf Radio Fritz 102,6 MHZ, Donnerstag 16.12., 1 - 4 Uhr.

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