Berlin : Der Berliner Nachwuchsboxer erschlug seinen Vater - Fragen nach den Ursachen der Tat

Katja Füchsel

Wenn der Schiedsrichter nach dem Kampf Marios Arm zur Siegerpose hochriss, musste man beinahe Angst um dessen Schultergelenk bekommen. Nur 48 Kilogramm brachte der schlaksige Junge bei seinem letzten Wettkampf auf die Waage. Aber der 16-jährige Nachwuchsboxer war robuster, als er aussah: Drei Mal wurde Mario Berliner Meister, und er war auf dem Sprung in die Nationalmannschaft. Die Schläge im Ring nahm der Junge über Jahre hin, bis er dann beinahe an dem Druck seines ehrgeizigen Vaters zerbrach.

Am 22. Januar steht der 16-Jährige um zwei Uhr morgens auf, schleicht sich an das Bett des schlafenden Vaters und zertrümmert ihm den Schädel mit einer Hantelstange. Es war offenbar die Tat eines verzweifelten Jugendlichen, der von seinem Vater die Karriereleiter hochgeprügelt wurde. Weil der Angeklagte noch nicht volljährig ist, fand der Prozess im Berliner Landgericht nach Jugendstrafrecht hinter verschlossenen Türen statt. Über drei Wochen zog sich die Verhandlung hin, am gestrigen Dienstag verurteilte die Kammer das Boxtalent wegen Mordes zu acht Jahren Jugendstrafe.

Als Mario L. im vergangenen Januar festgenommen wurde, belagerten tagelang Journalisten das Berliner Sportforum im Plattenbaubezirk Hohenschönhausen, wo Mario in der Sportschule "Werner Seelenbinder" lernte und im Landesleistungszentrum trainierte. Marios Klassen- und Mannschaftskameraden wurde damals für Fotos und Informationen viel Geld geboten. Zur Lagebesprechung traf man sich mit dem Trainer. "Wir haben beschlossen, wir halten dicht", sagt der 40-jährige Ralf Dickert in seinem Büro. Hinter ihm hängen Medaillen, dazwischen Reihen bunter Fotos: Jungen bei der Siegerehrung, Jungen beim Kampf.

Nebenan finden sich derweil die Jungen zum Training ein. In der ersten Stunde steht Deutsch auf ihrem Stundenplan, in der zweiten Mathe und nun eben Boxen. In der Halle hängt ein leicht muffiger Geruch und an einer Sprossenwand eine lederne Puppe, die schon Generationen von Fäusten auf sich hat zufliegen sehen. Der Nachwuchs tränkt den Sandsackmenschen mit Schweiß und schlägt das dunkle Leder speckig glänzend. An diesem Vormittag bleibt das formlose Ding unbeachtet. "Ganz langsam arbeiten", bremst der Landestrainer die Jungen, die vor einem Wandspiegel mit dem eigenen Schatten kämpfen. Ein gepresstes Keuchen begleitet jeden ihrer Schläge. Kein Ort zum Träumen, mag man meinen, und doch greifen die Schützlinge von Ralf Dickert fast alle nach den Sternen: Sie wollen eine internationale Karriere machen, später am liebsten als Profi. Wieder bremst der Trainer: "Das schaffen nur die Wenigsten."

Mario und seine Freunde hatten gelernt, für ihren Traum zu verzichten: Morgens um acht beginnt die Schule, erst abends um sechs endet das Training. Viel Zeit "für anderes", sagt der Trainer, bleibt den Sportlern da nicht mehr. Berlin kann sich bundesweit im Jugendbereich mit seinen knapp 50 Talenten durchaus sehen lassen: "Vier, fünf Deutsche Meister haben wir jedes Jahr", sagt Trainer Dickert. Doch die wirklich harte, alles entscheidende Zeit beginnt nach der zehnten Klasse, wenn die Sportler eine Lehre anfangen. Denn nur wer es schafft, trotz einer 40-Stunden-Woche in der deutschen Auswahl zu bleiben, hat anschließend die Chance, als Leistungssportler von der Bundeswehr gefördert zu werden. Ginge es bei den ganz großen Talente nicht auch einmal ohne Lehre? "Alle unsere Jungs müssen einen ordentlichen Beruf lernen", sagt Dickert. "Sonst müssen sie hier gar nicht erst antreten."

Deshalb achtet der Box-Trainer auch darauf, wie seine Schützlinge in der Schule abschneiden. Als er im Januar erfuhr, dass Mario schon seit Tagen die Schule schwänzte, rief er den jungen Sportler an. "Ich wollte das erst mit Mario klären, aber überraschend war sein Vater dran." Ralf Dickert, so erinnert er sich, blieb am Telefon vage, deutete gegenüber dem Vater nur an, "dass wir Drei mal sprechen müssen, dass da was schief läuft". Drei Tage später war Dieter L. tot. Dickert schüttelt in seinem Büro noch heute fassungslos den Kopf über die Tragödie. Dass dieser stille, ernste Junge sich derart vergessen könnte, habe niemand vorhersehen können. Schließlich habe er auch den Vater auf Wettkämpfen kennengelernt. "Er hat keine Auffälligkeiten gezeigt."

Dieter L. galt als Eigenbrötler, den Alkohol in der Regel aggressiv machte. Als Marios Mutter vor über zehn Jahren starb, blieb der Sohn das einzige Ziel seiner Wutausbrüche. Dieter L. verlor nach der Wende dann auch noch seinen gut bezahlten Job als Fensterputzer und projizierte offenbar fortan all seine Träume auf den Sohn. 1994 schickte er Mario in den Verein, wo einst auch die Schwimmerin Franziska van Almsick und der Radprofi Jan Ullrich geformt wurden, und versucht, ihn zum Box-Champion zu machen. Aber obwohl Mario tatsächlich immer besser wurde, konnte er seinen gewalttätigen Vater offenbar nie zufrieden stellen. Als der Jugendliche im November 1998 bei der Deutschen Meisterschaft lediglich Bronze gewann, soll ihn sein Vater zu Hause nur noch "Pflaume" gerufen haben.

Es ist in den Boxhallen nicht anders als auf den Tennisplätzen oder Kart-Bahnen Deutschlands, auf denen ehrgeizige Eltern inzwischen versuchen, viele kleine "Steffis" und "Schumis" heranzuzüchten. Nach Ansicht vieler Experten ein heikles Anliegen. "Man kann lange ausnutzen, dass die Kinder uns Erwachsenen gefallen wollen", sagt Wilhelm Kleine von der Sporthochschule Köln. Ein kleiner Trost des Wissenschaftlers: Die Bemühungen der Einpeitscher sind auf Dauer hoffnungslos. Denn wenn die "knochenharte Arbeit" beim Leistungssport dem Spaßempfinden der Jugendlichen zuwiderlaufe, bliebe auch bei großen Talenten am Ende dann doch der Erfolg aus. "Und in extremen Fällen", sagt Kleine, "rasten die Kinder eben aus".

Bei Dickert im Landesleistungszentrum müssen übermotivierte Elten zuweilen draußen bleiben. "Wenn der Druck zu groß wird, sagen wir den Vätern schon, dass sie besser nicht beim Kampf zuschauen sollen." Doch in der Regel sind die Trainer bemüht, die Eltern zu ihren Komplizen zu machen. Denn niemand hat größeren Einfluss auf die Motivation der Jugendlichen, auf ihr Durchhaltevermögen und auf ihre Karriereplanung. "Wenn die Profis mit den Scheinen winken, spielen die Eltern eine entscheidende Rolle", sagt Dickert.

Die Profis - hört man die Amateure über die Konkurrenz sprechen, fühlt man sich unweigerlich an das Märchen vom Rattenfänger erinnert: Windige Gestalten, die durch die Hallen der Amateure ziehen, um arglose Talente mit falschen Versprechungen zu locken. Um die Talent-Jäger fernzuhalten, erteilen ihnen die Amateure immer wieder Hallenverbote. "Das hatte ich auch mal", sagt der 67-jährige Ex-Boxer Werner Papke gelassen. Er hat in seinem Büro ebenfalls eine Fotowand im Rücken, auch hier sieht man nur Sieger. Etwa 15 Boxer trainiert Papke zurzeit, "geklaut" habe er davon keinen. "Entweder sie kommen von alleine zu mir oder ich hole die Jungs von der Straße." Wenn die Berliner Lokalgröße über seine Schützlinge spricht, klingt er zuweilen wie ein Streetworker. Er kümmert sich um die Kinder "aus dem Milieu", sagt Papke. Um Jugendliche aus "völlig zerrütteten Familienverhältnissen". Er selbst habe als junger Mensch Banken überfallen und im Gefängnis gesessen, bevor das Boxen ihn "wieder auf die richtige Bahn" geführt habe.

In Papkes Studio in Moabit quälen sich schon Vierzehnjährige jeden Tag, um einmal als Profi "an die dicke Marie ranzukommen". Ewige Talente schlagen sich für einen Hungerlohn bei Profiboxveranstaltungen die Köpfe ein. Doch manchmal schafft es auch eines von Papkes Kindern. Wie beispielsweise der 21-jährige Michel Trabant, ein deutscher Meister mit erfolgversprechenden Aussichten. Den jüngsten Profis im Laden dient er dennoch nicht als Vorbild. "Ich will Weltmeister werden", sagt der 16-jährige Christian Lessnek mit fester Stimme. Papke lächelt. Der Alte weiß, wie die Chancen stehen. Und er weiß, was die meisten Jungs nach ihrer Zeit als Berufsboxer erwartet: "Sie fallen zurück ins Milieu und werden Alkoholiker."

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