Der Beruf Butler : Diskretion ist Ehrensache

Der Beruf des Butlers ist heute für viele Menschen nur noch einer mit vielen Fragezeichen. Wer außer Miss Sophie braucht sie? Und wofür? Fragen, die sich beim Treffen mit zwei Vertretern der Profession leicht beantworten.

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Mario Calvelo von der britischen Residenz und Ricardo Dürner vom Adlon.
Mario Calvelo von der britischen Residenz und Ricardo Dürner vom Adlon.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Zeitungen hat Mario Calvelo schon lange nicht mehr gebügelt. Früher gehörte dieses Fixieren der Druckerschwärze zu den klassischen Aufgaben eines Butlers. Aber die Botschafter in der britischen Residenz werden jünger wie auch moderner und legen keinen Wert mehr auf die alten Sitten. Anders ist das bei Ricardo Dürner, der im Adlon als Butler die Gäste der Royal Suite betreut. Da sind schon mal konservative Stammgäste dabei, die auch auf den ganz klassischen Service Wert legen.

Die beiden passionierten Butler sind zusammengetroffen, um sich auszutauschen über neue Anforderungen, über Veränderungen – und um voneinander zu lernen. Auch Ralf Müller, der Manager der britischen Residenz, ist mitgekommen ins Hotel, da auch die Hausmädchen die Abwesenheit des Botschafters nutzen, um sich hier ein bisschen fortzubilden.

Beide Butler sind über eine Hotelfachausbildung in den Beruf hineingeraten. Mario Calvelo, der einst der Familie seiner Frau von den Philippinen nach Deutschland gefolgt ist, wurde über einen Job beim früheren britischen Gesandten noch in Bonn Butler und zog mit der Botschaft dann nach Berlin. Ricardo Dürner ist seit 19 Jahren Butler im Adlon. Der damalige Direktor hatte beschlossen, dass die Bewohner der Royal Suite, die heute immerhin 15 000 Euro die Nacht kostet, rund um die Uhr von einem einzigen Butler betreut werden sollen. Das wissen auch die Sicherheitsleute zu schätzen. Mit manchen Stammgästen hat sich inzwischen eine große Vertrautheit eingestellt.

Anekdoten halten sich in Grenzen

Die Zahl der Anekdoten, die Ricardo zu erzählen hat, hält sich leider in engen Grenzen, denn Diskretion ist des Butlers oberste Tugend. Schließlich teilt man privaten Raum miteinander. Bei einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung schläft er im hinteren Teil des Hotels, und wenn die Gäste nachts Wünsche haben, ist er blitzschnell angezogen. Mal kann jemand nicht schlafen und braucht heiße Milch. Oder einem Gast fällt ein, dass er die Wäsche am nächsten Morgen frisch gewaschen haben möchte. In solchen Fällen wirft der Butler auch schon mal selber die Waschmaschine an. Zugang hat er zu allen Räumlichkeiten des Hotels. Manche Gäste möchten ihre Koffer packen lassen, wobei die Kleidungsstücke schön säuberlich mit Seidenpapier zusammengelegt werden. „Die Gäste wissen es zu schätzen, wenn sie durch diesen Service Zeit für andere Sachen gewinnen.“ Manchmal assistiert er bei Shoppingtouren. Dann wieder lässt er sich auch von Sternekoch Hendrik Otto zeigen, wie man schnell besondere Köstlichkeiten zaubern kann.

Mit dem Kollegen von der britischen Residenz will er sich auf jeden Fall zum Thema neue Schuhputztechniken austauschen. Anders als das Bügeln von Zeitungen gehört die professionelle Pflege der Schuhe nach wie vor zu den klassischen Pflichten des Butlers, ebenso wie das Polieren des Silbers. Zum Besuch der Queen im vergangenen Jahr hat Mario Calvelo allein 100 Tabletts poliert. Und Ricardo Dürner hatte ein echtes Erfolgserlebnis, als nach einem wichtigen Fotoshooting mit hochrangigen VIPs der Computer abgestürzt war und alle Fotos verloren schienen. Mit ein paar Tastenkombinationen, die er sich gezielt angeeignet hatte, schaffte er es tatsächlich, den Computer wieder in Gang zu bekommen. Alle waren dankbar, der Fotograf sagte, er habe ihn gerettet. So etwas tut natürlich gut. Ein anderes Mal musste er vor einer Preisverleihung die Treppen zum Rednerpult fotografieren, damit der Preisträger wusste, wie er zu gehen hatte.

Bei besonderen Gelüsten der Gäste spielt Ricardo auf seinen Netzwerken. Einmal sollte es ein ganz besonderer geräucherter Tee sein, und die Hollywoodstars verlangen schon mal gern nach ihren vertrauten Sodas, die es hier im Laden aber nicht zu kaufen gibt. Auch dank der Einkäufer des Adlon hat sich noch immer eine Lösung gefunden.

Eine Linie bleibt doch immer bestehen

Er hat viel gesehen, war auch dabei, als Michael Jackson im Adlon residierte und sein Kind aus dem Fenster hielt. Aber er hat das damals gar nicht so dramatisch empfunden, wie es später dargestellt wurde. Unten waren Hunderte von Leuten, sangen und tanzten und riefen immer wieder nach den Kindern. Die guckten „Spider-Man“, Michael Jackson spielte auf dem Klavier, auch drinnen wurde getanzt, es herrschte ausgelassene Familienstimmung. Trotzdem wird er immer wieder auf dieses Ereignis angesprochen. Ansonsten wissen seine Freunde, dass sie auf Granit beißen, wenn sie wissen wollen, wie es mit dem Präsidenten oder einem internationalen Star so war.

Das Adlon damals und heute
Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde das Adlon erst 1997 wiedereröffnet.Weitere Bilder anzeigen
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04.01.2013 22:31Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde das Adlon erst 1997 wiedereröffnet.

Vielseitigkeit und Sensibilität sind wichtige Eigenschaften, auch im Umgang mit den Gästen. Und was, wenn mal dicke Luft herrscht? Mario Calvelo ist da ganz konsequent: „Dann muss man die Leute einfach in Ruhe lassen.“ Er fragt, was gewünscht wird, erfüllt alle Aufträge, aber lässt die schlechte Laune nicht an sich herankommen. Klar, manchmal sind Leute, die man strahlend aus dem Fernsehen kennt, in Wirklichkeit ganz anders. Und in der Residenz übernachten manchmal auch Politiker, die gerade viel Stress haben. Es gibt aber auch gute Beispiele. Als Residenzmanager Ralf Müller der Queen erzählte, dass eine ihrer engsten Mitarbeiterinnen früher dort gearbeitet habe, gab sie das gleich weiter, sodass die beiden sich treffen konnten. Bei aller Herzlichkeit, die auch mal spürbar werden kann, eine Linie bleibt doch immer bestehen. Deshalb lachen die beiden bei der Erwähnung von Butler James aus „Dinner for One“ auch gleich los. Mit dem können sie sich nur identifizieren, solange er nüchtern ist.

Ricardo Dürner wird öfter mal von Butlern angesprochen und um ein Treffen gebeten. Nicht nur in den Botschaften gibt es sie, auch in manchen wohlhabenden Haushalten, in Grunewald etwa. Ja, und inzwischen findet man sogar weibliche Butler. Mario Calvelo erzählt, dass seine Tante bei den Franzosen gegenüber gearbeitet habe. Im Adlon sind einige Mitarbeiterinnen entsprechend geschult und kommen zum Einsatz, wenn arabische Familien kommen, bei denen die Frauen strikt unter sich bleiben und dann natürlich auch weibliches Personal wünschen.

Auch Katzen müssen eingefangen werden

Butler ist offensichtlich ein Berufungsberuf, noch mehr mit Psychologie verbunden als das normale Hotelleben. Mario Calvelo deckt den Tisch, pochiert Eier zum Frühstück und fängt auch schon mal junge Katzen ein. Einem Botschafter waren sie ausgerechnet vor Beginn einer großen Dinnerparty in die Repräsentationsräume entflohen und dort die Gardinen hochgeklettert. Mit Katzenleckerlis ließen sie sich zur Rückkehr bestechen. Im Laufe ihres Zusammenseins im Hotel wollen sich die beiden Butler vom Floristen auch noch ein paar Tipps geben lassen für moderne Blumengestecke.

Ja, von den Residenzgästen, die meist nur kurz bleiben, bekommt Mario Calvelo, dessen Ururgroßvater Mexikaner war, manchmal auch Trinkgeld. Das ist keineswegs unter seiner Würde, er versteht es als Anerkennung. Und er behält es auch nicht. Alles Geld, was die Gäste zurücklassen, kommt in einen großen Topf beim Residenzmanager und wird am Ende des Monats unter allen Beschäftigten aufgeteilt. Sparmaßnahmen haben auch in der Residenz dazu geführt, dass es immer weniger Personal gibt. Zwei Hausmädchen sind noch da, aber kein stellvertretender Butler mehr.

Ricardo Dürner bekommt eher Sachgeschenke, weil sich in der Regel über einen längeren Zeitraum immer auch ein persönliches Verhältnis entwickelt. Der Dalai Lama legte ihm einen Schal um, die Queen schenkte ihm bei ihren letzten beiden Staatsbesuchen jeweils handsignierte Fotos. Er besitzt auch viele signierte Bücher – Erinnerungen an Begegnungen der besonderen Art.

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