Berlin : Der BFB will gegen "Vandalismus und alkoholbedingte Entgleisungen" vorgehen

Claus Vetter

Vor Attacken flüchtende Schiedsrichter, Anwendung von Gewalt, ja sogar Morddrohungen gehören inzwischen zum Alltag auf dem Fußballfeld. Wie etwa am 8. Februar letzten Jahres, als bei einem Nachwuchsspiel zwischen Concordia 1910 und Eintracht Südring ein Spieler einen Gegenspieler mit einer Pistole bedrohte. In der Saison 1998/99 gab es allein im Berliner Jugendfußball 93 Spielabbrüche. Beim Berliner Fußball-Verband (BFV) will man nicht mehr zuschauen, sondern den Problemen mit dem Arbeitskreis "Anti-Gewalt" entgegentreten, betonte Geschäftsführer Reiner Gentz bei einem Hearing des BFV. Rund 7000 Menschen haben den Aufruf "Gegen Gewalt auf unseren Sportplätzen" schon unterschrieben. Die Unterschrift soll verpflichten, im Falle von Gewalt nicht nur zuzuschauen, sondern einzuschreiten.

Für Innensenator Eckart Werthebach ist Gewalt im Bereich des Sports "ein Phänomen, das in keiner Erscheinungsform zu tolerieren ist". Staat und Gesellschaft seien aufgerufen, der Gewaltbereitschaft vor allem mit den Mitteln der Prävention entgegenzuwirken. Es sei durchaus machbar, als gewaltbereit bekannte Fans bereits Tage vor Großereignissen aus Vorsorge in Haft zu nehmen und erst Tage später wieder freizulassen. Die Ausländerbeauftragte des Berliner Senats, Barbara John, schlägt indes eine Satzungsänderung beim BFV vor. Danach soll unsportliches Verhalten - etwa in Form von Diskriminierung des Gegners - zu Spielabbruch und Vereinsausschluss führen. "Strafen und sogar Ausschluss vom Spielbetrieb haben nicht den gewünschten Erfolg gezeigt", meint dagegen Otto Höhne, Präsident des BFV. "Für mich bleibt ein Abbruch wegen Tätlichkeit eine Bankrotterklärung."

Seit 1990 versucht das "Fan-Projekt Berlin", Gewalt unter Fußball-Anhängern entgegenzuwirken. Auf dem Gelände des Sportforums Hohenschönhausen ist das Büro des Projektes Anlaufstelle für Fans. Dort sind derzeit neben Axel Pannicke drei andere Sozialarbeiter beschäftigt, voranging mit den Anhängern des BFC Dynamo, der sein Stadion nur wenige Meter weiter hat. "Die Szene dort ist mehrheitlich gewaltfasziniert", sagt Pannicke. Als Fazit der fast zehnjährigen Arbeit des Fan-Projektes, die das Abhalten diverser Veranstaltungen sowie Fan-Betreuung bei Spielen beinhaltet - könne man feststellen, "das gewalttätige Auseinandersetzungen bei Spielen der Bundes- und Regionalliga in Berlin inzwischen selten sind." Zufrieden sei man trotzdem nicht. Noch immer gebe es Vandalismus und alkoholbedingte Entgleisungen. Zahlen belegen dies, in der letzten Saison wurden in Berlin in Zusammenhang mit Fußballspielen allein 659 Personen festgenommen, die Tendenz in den ersten Wochen dieser Spielzeit ist nicht fallend. Strafen allein würden nichts bringen, meinte ein Verantwortlicher von BSV Hürriyet, "am Ende sind dann die Kontrahenten noch mehr verfeindet als vorher." Man müsse "Versöhnungsbrücken" bauen. "Da fängt die Erziehung an." Auch wenn der Brückenschlag zu den "Sportskameraden" von der Basis nicht einfach ist, will sich der BFV dem Problem stellen. Nicht nur mit Unterschriften-Aktionen oder Plakaten: Am Donnerstag gibt es zwischen 18 und 21 Uhr ein Sorgentelefon. Unter der Nummer 01801/73433247 wollen Präsident Otto Höhne und weitere Experten mit den Anrufern diskutieren.

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