Berlin : DER BIBELFORSCHER

Markus Witte studierte evangelische Theologie, Judaistik und Altorientalistik und habilitierte sich 1997 für das Fach Altes Testament. Seit 2009 ist er Lehrstuhlinhaber für „Exegese und Literaturgeschichte des Alten Testaments“ und Leiter des Instituts Kirche und Judentum an der Humboldt-Universität.



Was macht eigentlich die Größe eines Buches aus? Ich würde sagen: Die Frage, auf welche Weise es das eigene Selbstverständnis weiterbringt. Das Alte Testament der Bibel lässt sich sicherlich als ein großes Buch bezeichnen: In dem Jahrtausend, über das hinweg es von Generation zu Generation entstanden ist, hat es große Potenziale zur Lebensdeutung entwickelt, die auch heutiges Leben verständlich machen können. Mit einem Text wie dem Alten Testament kann man sich ohne Weiteres ein Leben lang beschäftigen, ob als Gläubiger oder auch als Bibelwissenschaftler.

Zu Beginn meines Theologiestudiums hat mich am Alten Testament besonders seine Kombination aus Geschichte, Kultur und gelebter Religion fasziniert. Dreißig Jahre später ist das eigentlich immer noch genauso. Das ist eben das Besondere an großen Texten: Man kann sie nicht einfach distanziert betrachten, man liegt bei intensiver Beschäftigung mit ihnen letztlich selbst auf dem Seziertisch. Immer weiter verändert sich meine Lektüre des Alten Testaments mit meiner Lebenserfahrung, immer wieder treten neue Aspekte hinzu.

Das Besondere dabei: Das muss für immer ein solcher Suchprozess bleiben. Gerade auch, weil das Buch in meinem Fall in einer fremden Sprache geschrieben ist. Ich muss bei meiner Forschungsarbeit sozusagen in die althebräische Welt hineinschlüpfen und also in eine vormoderne, eine mythische Welt. Wenn mir das gelingt, rückt mir der Text nahe – manchmal sogar unheimlich nahe, wie das Buch Hiob. Diese Situation Hiobs, dass ein Mensch, der sich immer an alle Gebote seiner Gesellschaft und seines Glaubens gehalten hat, plötzlich unverschuldet ins Leiden gerät, das ist ja vollkommen zeitlos. Wenn im Buch Hiob Grundfragen von Leben und Tod, Leiden und Gerechtigkeit verhandelt werden, dann kann das wohl niemand einfach nur distanziert als Wissenschaftler lesen.

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