Berlin : Der Bildungsaktivist

Christoph Richter kämpft für mehr staatliche Schulen in Mitte. Er will nicht, dass seine Tochter in eine Klasse in Wedding kommt

Ute Zauft

Er argumentiert nicht damit, dass er das Beste für sein Kind will, sondern damit, dass es gerechter sei. Christoph Richter wohnt in Mitte und setzt sich mit einer Elterninitiative für mehr Grundschulen in seinem Kiez ein. Er will seine Tochter nicht auf eine Privatschule schicken, aber erst recht nicht in die ihr zugewiesene Grundschule im Stadtteil Wedding, der auch zum Bezirk Mitte gehört. Deshalb sitzt er an diesem Abend mit der zuständigen Schulstadträtin Dagmar Hänisch (SPD) auf dem Podium, zu dem seine Elterninitiative geladen hat.

Christoph Richter fällt bei der Diskussionsrunde auf. Im Raum befinden sich viele Eltern, immer wieder hört man das Jauchzen oder das Weinen kleiner Kinder. Richter ist einer der wenigen im Anzug. Er leitet die Diskussion, spricht ruhig, fast sanft, aber klar und deutlich. Ihm scheint es wichtig, dass das Anliegen der Initiative richtig verstanden wird. Noch vor zwei Jahren wurde sein Sohn Anton in die Papageno-Grundschule in Alt-Mitte eingeschult.

In der Rosenthaler und der Spandauer Vorstadt sowie am Arkonaplatz sind die Geburtenzahlen enorm gestiegen: Im Einzugsgebiet der Papageno-Grundschule in der Bergstraße leben jetzt rund 100 Siebenjährige, aber fast doppelt so viele Einjährige. Schulstadträtin Hänisch stellte fest, dass jetzt schon eine „Unterversorgung von 1,5 bis 2,1 Klassenzügen“ besteht, die sich noch verstärken könnte. Um die Kinder dennoch unterzubringen, hat das Bezirksamt zum laufenden Schuljahr das Einzugsgebiet der Papageno-Schule verändert. Antons Schwester müsste jetzt über die Bernauer Straße in eine der Weddinger Schulen gehen. Dort sind noch Plätze frei.

Am Tag nach der Podiumsdiskussion holt Richter, jetzt in Jeans und Pullover, nachmittags die Kinder von Schule und Kita ab. Er ist Arzt an der Charité, praktiziert und forscht, Letzteres kann er auch zu Hause, weswegen seine Arbeitszeiten flexibler sind als die seiner Frau. Sie arbeitet als Dermatologin in einer Klinik. Richter streicht seinem Sohn Anton zur Begrüßung kurz über die blonden Haare, dann gehen die beiden einmal die Straße runter, um die fünfjährige Rosa von der Kita abzuholen. Auf dem Heimweg machen sie noch schnell Besorgungen beim Bäcker und in der Apotheke. „Mit drüben haben wir nichts zu tun“, sagt er und blickt in Richtung Bernauer Straße. Dort stand früher die Mauer, heute trennt die Straße Alt-Mitte von Wedding.

Die Kinder würden aus ihrem „soziokulturellen Umfeld“ gerissen, heißt es in dem Positionspapier der Elterninitiative „Schule im Kiez“. Da kommt schnell der Verdacht auf, dass Eltern in Alt-Mitte ihren Nachwuchs von den Migrationskindern in Wedding fernhalten wollen: In den drei Schulen, die Rosa zur Auswahl stehen, haben durchschnittlich 85 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund. So einfach sei das nicht, sagt Richter. Keines der Kinder, das im vergangenen Schuljahr eigentlich über die Bernauer Straße in den Wedding hätte gehen müssen, sei in einer dieser Schulen gelandet. Die Eltern hätten sich entweder in eine der anderen staatlichen Schulen eingeklagt oder schickten ihren Nachwuchs auf eine Privatschule.

Das könne nicht die Lösung sein, meint Richter. Die Elterninitiative setzt sich für mehr staatliche Schulen ein. In Alt-Mitte gibt es neben fünf staatlichen Grundschulen vier Privatschulen. Richter spricht von einer „Spaltung der Gesellschaft“. Das sei ungerecht. Bleibt die Frage, ob nicht auch die Benachteiligung der Kinder auf der anderen Seite der Bernauer Straße ungerecht ist. „Das ist das Ergebnis der schlechten Integrationspolitik der vergangenen Jahrzehnte“, sagt Richter. Sicherlich nicht gut, aber nicht dadurch lösbar, dass ein paar Kinder aus Alt-Mitte in Wedding in die Schule kommen. „Es wäre ungerecht, das Problem auf dem Rücken dieser paar Integrationskinder auszutragen.“ Mit Integrationskindern meint er diejenigen, die nach Wedding sollen.

Richter schwebt vor, dass die Einzugsgebiete über die Bernauer Straße hinweg zusammengelegt werden und dann nach der räumlichen Nähe und danach entschieden wird, wo das Geschwisterkind auf die Schule geht. So kämen vermutlich auch Kinder aus Wedding in die Papageno-Grundschule. Über diesen Vorschlag herrscht in der Elterninitiative allerdings keine Einigkeit. Schulstadträtin Hänisch hat nun angekündigt, zum nächsten Schuljahr am Koppenplatz in Alt-Mitte eine „Schulfiliale“ mit zwei ersten Klassen einzurichten – wenn es bis Ende des Jahres mehr als 50 Anmeldungen dafür gibt. Richter ist zuversichtlich, dass sich dann die Lage im Kiez entspannt und Rosa wie ihr Bruder in die Papageno-Schule um die Ecke gehen kann.

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