Berlin : Der Bindestrich-Berliner

Westberlin oder West-Berlin – im Kalten Krieg wurde selbst die Geographie der geteilten Stadt zum ideologischen Streitobjekt

Brigitte Grunert

Seit 13 Jahren kann ich endlich wieder Berlinerin ohne Wenn und Aber sein. Was war ich nicht schon alles in meiner Heimatstadt. Zuerst eine in Groß-Berlin, dann eine „im Ostsektor drüben“, dann eine im „Westsektor drüben“. Ach was, echte Berliner, die das gemeinsame Lebensgefühl noch bis zum Mauerbau einte, zischten mit grimmigem Unernst: „Wessekta“ und „Ossekta“.

Ein offizieller Begriff war Ostberlin im Osten nie. Man teilte dort anfangs die Berliner Welt in den „Demokratischen Sektor“ und „Westberlin“ ein. Auf Ost-Stadtplänen der fünfziger Jahre lasen wir „Demokratisches Berlin“ und „Westberlin“ (das nach dem Mauerbau auf einmal ein weißer Fleck war). Zu dieser Zeit existierte für den Westen nur der „Sowjetsektor“ oder „Ostsektor“, hilfsweise „Ostberlin“. Der Magistrat war Luft, der Oberbürgermeister Fritz Ebert ein namenloser „Vorsteher des Ostberliner Stadtsowjets“, nachzulesen im Tagesspiegel vom 12. Juni 1953. Deswegen schreibt der damalige Tagesspiegel-Herausgeber Erik Reger in seinem in dieser Ausgabe (Seite 38) nachgedruckten Leitartikel vom 17. Juni 1953 auch noch von Westberlin – ohne Bindestrich.

Erst der SPD/CDU-Senat unter Willy Brandt erfand die Bindestrich-Berliner. Zur „Klarheit“, so Bürgermeister Franz Amrehn (CDU), empfahl eine Senatskommission 1960 die Schreibweise „West-Berlin“ und „Ost-Berlin“. Sie wurde in den Amtsstuben für nicht amtliche Bezeichnungen eingeführt. Der West-Duden zog nach.

Das hatten die drüben nun von ihrer Niedertracht, dass sie sich inzwischen großspurig „Berlin, Hauptstadt der DDR“ nannten, uns aber zu „Westberlin“ und zur „selbständigen politischen Einheit“ herabwürdigen wollten. Aber nicht mit uns! Wir ließen uns die Luft nicht abdrehen! Wir machten etwas her mit dem luftigen Bindestrich, eine ganze Philosophie. Er war unser Sinnbild für das Vorübergehende der unnatürlichen Teilung.

Die im Osten waren schließlich auch nur Teil des ganzen Berlin. Und zwar der kleinere Teil! Wir nannten zwei Drittel der Stadt unser. Und den Alleinvertretungsanspruch hatte auch nicht bloß „die andere Seite“. Den hatten wir erst recht.

Groteske Sprachblüten aber trieb die höhere Diplomatie der Entspannungspolitik. Im Viermächte-Abkommen von 1971 tauchte Berlin gar nicht auf. Weil sich Moskau und die drei Westalliierten nicht auf den Geltungsbereich des Abkommens für „Westberlin“ oder „ganz Berlin“ einigen konnten, fanden wir uns plötzlich allesamt als Einwohner „in dem betreffenden Gebiet“ wieder. Da haben wir bloß gelacht. Im Osten blieb es bei „Westberlin“, im Westen bei „Ost-Berlin“ und „West-Berlin“.

Zum Glück ist das nun alles Geschichte. Nur manchmal rutscht einem aus alter Gewohnheit noch der Bindestrich durch. Wir sind eben noch nicht ganz zusammengewachsen. Nur der Duden hatte es eilig. Er hat den Bindestrich gleich nach der Einheit abgeschafft. Für die kleinen Teilungsrelikte lohnt er sich ja auch wirklich nicht mehr.

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