Der Blick aus Düsseldorf : Ihr lebt in Berlin? Ihr habt’s gut!

Manchmal sieht man erst aus der Ferne richtig scharf. Unsere Autorin ist vor fünf Monaten genervt aus Berlin weggezogen. Jetzt war sie zu Besuch – und findet, dass wir ziemlich froh sein sollten, in dieser Stadt zu leben.

von
Ah, Berlin! Berliner im Exil sehen manches, was früher vielleicht nervig wahr, oft plötzlich in milderem Licht - und sehnen sich zurück.
Ah, Berlin! Berliner im Exil sehen manches, was früher vielleicht nervig wahr, oft plötzlich in milderem Licht - und sehnen sich...Foto: dpa

Neulich war ich in Berlin. Ich erkannte es nicht gleich wieder. Vom Hauptbahnhof aus sah ich das Kanzleramt in den Abendhimmel ragen, die Lichter über der Spree, den Fernsehturm, das Sony-Center und die Charité. Mir lief ein Schauer den Rücken hinunter. Was ich sah, war das reine Klischee. Diesen Blick hatte ich vergessen.

Als ich vor fünf Monaten wegzog, nach Düsseldorf, hatte ich Berlin satt gehabt. Das Schlampige, das Unprofessionelle. Das Gejammer über Jobs, die auslaugend waren und mies bezahlt. Die Mitte-Menschen, die eigentlich Provinzmenschen waren, die einem Hype hinterherliefen, um einen Kiez, einen Club, ein Computerspiel-Start-up. Die Unverbindlichkeit, die ewige Suche, nach einer Party, einem Stadtbild, einem Leben. Die Türsteher und andere Wichtigtuer, im Büro und im Regierungsviertel.

Abgewiesen am Berghain
"Dieser Club ist wohl zu berühmt für uns": Die vier Touristen Banban (23, Philippinen), Elmear (24, Irland), Craig (27, Australien) und Ramesh (25, Indien, von links nach rechts) sind an der härtesten Tür Berlins im Berghain gescheitert.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Mike Wolff
23.02.2015 08:46"Dieser Club ist wohl zu berühmt für uns": Die vier Touristen Banban (23, Philippinen), Elmear (24, Irland), Craig (27,...

Was gibt es denn hier überhaupt ständig zu motzen?

Auf einen dieser Wichtigtuer traf ich, als ich später die Rolltreppe zur S-Bahn nahm. Es war ein Spatz, der auf einem Fahrkartenautomaten hockte und lautstark schimpfte, als hätte er Angst, nicht gehört zu werden, bei dem Lärm, den die Stadt um sich selbst machte. Spatz, was ist denn, du hast es doch gut, dachte ich. Woanders verscheuchen sie solche wie dich, weil du ihnen die Cafétische vollkackst. Hier lässt man dich in Ruhe.

Was gibt es denn hier überhaupt ständig zu motzen? Okay, der Senat hat verpeilt, mit der S-Bahn einen ordentlichen Vertrag auszuhandeln und dann kommt die Bahn auch noch ständig zu spät. Die Autofahrer sind rücksichtslos, die Radfahrer nicht besser. Der Bürgermeister macht Party mit Unternehmern. Die Touristen und die Reichen lassen die Mieten steigen. Die Clubs sterben, die festen Arbeitsplätze sind schon gestorben.

Ich bitte euch. Was wollt ihr eigentlich?

Video
Umfrage: Was denken die Berliner über die steigenden Mieten in der Stadt?
Steigende Mieten und Wohnungsnot in Berlin

Da, wo ich jetzt wohne, schließen die Kneipen um eins

Stellt euch mal vor, wie es dort ist, wo die Leute herkommen, die erst die Mieten verteuert haben und sich jetzt drüber aufregen. Dort, wo ich jetzt lebe, gibt es so viel Geld, dass die Stadt ihre Parkbänke beleuchtet. Und niemand macht die Lampen kaputt! Ich frage mich, wo die übermütigen Jugendlichen sind, die gegen ihre Eltern, das System oder die Langeweile rebellieren. Wahrscheinlich im Sportverein. Oder bei McDonalds. Und wenn sie groß sind, arbeiten sie täglich von halb neun bis halb sechs, dann gehen sie Abendbrot essen oder wieder in den Sportverein oder ins Multiplex und danach in eine Kneipe, die spätestens um ein Uhr schließt, die Küche schon um elf. Niemals würden sie über eine rote Ampel gehen, geschweige denn fahren. Und wenn die S-Bahn mal nicht kommt, freuen sie sich heimlich, weil sie in der Mittagspause etwas zu erzählen haben.

Seite 1 von 2 Artikel auf einer Seite lesen
» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

131 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben