Berlin : DER BUCHBINDER

Christian Klünder betreibt seine Buchbinderei in der Rathenower Straße in Moabit seit über 30 Jahren.

Irgendwann hat sich der Senat bei mir gemeldet: Ob ich das Goldene Buch der Stadt Berlin pflegen könne? Klar, konnte ich. Bis heute habe ich vier Goldene Bücher neu gebunden, ich bin da jetzt fest drauf abonniert.

Das Goldene Buch ist ein großer Foliant. Verewigen dürfen sich in ihm alle politischen Gäste, die von der Stadt Berlin empfangen werden: Von Bush bis Obama, so ungefähr. Die Gäste tragen sich immer auf der rechten Seite ein, links bleibt frei. Insgesamt sind wir inzwischen bei Buch Nummer neun, Nummer eins hat 1949 angefangen. Als Berliner ist das natürlich eine schöne Aufgabe für mich. Und auch eine Arbeit, über die immer mehr Aufträge zu mir kommen: Es gibt ja Massen von solchen Ehrenbüchern in Berlin! Ich betreue auch das Goldene Buch der Stadt Spandau, dann gibt es noch die Gästebücher des Bundestages und des Bundesrates und immer so weiter.

An einem neuen Goldenen Buch hat man schon zu tun, das ist aufwendig, da arbeitet man mehrere Wochen dran. Von der Aufmachung her mag ich unser Goldenes Buch, aber andererseits denke ich als Buchbindemeister: Nach 60 Jahren könnte man ja mal was anderes ausprobieren. Das Buch ist äußerst hochwertig, aber buchbinderisch nicht so richtig spannend. Die Arbeit ist trotzdem interessant: Ich gebe das Buch ja nicht nur leer an den Senat ab, sondern kriege es ab und zu auch wieder vorbeigefahren. Manchmal verschreibt sich nämlich einer der Ehrengäste, dann muss die Seite von mir wieder herausgelöst werden. Oder es gibt Seiten, auf denen die Unterschrift fehlt, die müssen auch raus. Die Unterschriften fehlen wahrscheinlich, weil die Zeit bei den Politikerbesuchen zu knapp war. Die hetzen ja auf ihrem Auslandsbesuch immer einmal quer durch Berlin. Da habe ich es besser mit meiner Arbeit. Ich nehme mir meine Zeit.

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