Berlin : Der Buchhändler nahm die Entschuldigung des Bösewichts an

Michael Brunner

"An der Pistole steckte ein großer, langer Schalldämpfer. Das sah bedrohlich aus", sagt der alte Mann, zieht sich das karierte Sakko glatt und läßt die Füße in seine Birkenstock-Sandalen zurück gleiten. Der Buchhändler Robert Kiepert, der am 11. Februar 1999 in seinem Geschäft an der Hardenbergstraße überfallen und um 25 000 Mark beraubt worden war, ist aufgeregt. Vor einer Strafkammer des Landgerichts als Zeuge auszusagen, ist eben nichts Alltägliches.

Robert Kiepert wirft noch einen erstaunten Blick auf die Angeklagten, dann erzählt er, wie er den Abend des 11. Februar erlebt hat. "So gegen halb zehn, ich hatte meinen Rundgang gerade gemacht, stürzten zwei maskierte Männer in mein Büro. Einer zielte mit einer Pistole auf mich", sagt der stadtbekannte Buchhändler. Bei einem kurzen Gerangel schubsten ihn die Täter gegen einen Schreibtisch, woraufhin er mit einem geschwollenen Knie zum Arzt musste. Doch böse ist Kiepert den Angeklagten überhaupt nicht. Im Gegenteil. In seinen wohl formulierten Sätzen schwingen Anteilnahme und Mitgefühl mit. "Der mit der Pistole war überfordert. Als er mich einsperren wollte, fiel eine Patrone aus der Waffe. Das dauerte, bis die wieder drin war." In der Nacht nach dem Überfall sagte Kiepert der Polizei, der Räuber sei ihm "irgendwie freundlich" erschienen. Bei dieser Aussage bleibt der Zeuge: "Der entschuldigte sich förmlich bei mir, dass er mich fesseln muss." Einer der Angeklagten bittet um Entschuldigung. "Das ist eine freundliche Geste von Herrn N., ich nehme die Entschuldigung an", sagt Robert Kiepert, und ein Schmunzeln geht durch den Gerichtssaal. Natürlich hat es Kiepert geärgert, "dass der Abend futsch war und das Geld". Und Folgen hatte der Überfall auch. "Wenn Mitarbeiter plötzlich auf mich zutreten, erschrecke ich leicht. Ich fühle mich nicht mehr so sicher wie früher", sagt Kiepert, der von einem psychischen Trauma gleichwohl nichts wissen will.

Komisch war das Ende des Überfalls. "Wir kamen die Kellertreppe rauf, da öffnete sich eine Tür, ein Wachmann packte mich und schlug dem Täter die Tür vor der Nase zu", erinnert sich Robert Kiepert. Der eingesperrte Räuber habe sich auf der Suche nach einem Durchschlupf ins Freie "völlig frustriert im Keller verirrt".

Mag sein, dass die Angeklagten bei ihrem Überfall auf die Buchhandlung nett waren. Fest steht, dass sie ungeschickt waren. Denn aus der Waffe, die am 11. Februar kurze Zeit auf Robert Kiepert gerichtet war, wurden nach den Erkenntnissen der Kriminalpolizei die tödlichen Schüsse auf den Drogenhändler Achim Fricke abgefeuert. Die Leiche des Dealers war im November 1998 in einem Auto in der Lietzenburger Straße gefunden worden. Achim Fricke starb an zwei Kopfschüssen. Die Angeklagten hofften auf eine Beute von vielen Tausend Mark, fanden aber nur ein paar Hundertmarkscheine in den Taschen des Toten.

Robert Kiepert ist klar, dass er Glück hatte. "Sie hätten auf mich schießen können", sagt er und beruhigt sich schnell selbst: "Ohne mich hätten sie ja das Geld nicht aus dem Tresor gekriegt".

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