Berlin : Der Buchladen der Republik

Stephan Wiehler

Politiker sind treue Kunden. Wäre es anders, hätte Benedikt Maderspacher in den letzten drei Jahren vermutlich längst Konkurs anmelden müssen. Bis zum Einzug in das neue Jakob-Kaiser-Haus an der Wilhelmstraße führte seine Buchhandlung im Berliner Regierungsviertel ein Schattendasein. "In der Dorotheenstraße gleich um die Ecke haben wir unseren Ausweichstandort im zweiten Hinterhof in einem Gartenhaus gehabt", erzählt der 47-jährige Bonner. "Da haben nur wenige Kunden hingefunden." Vergessen aber haben die Parlamentarier ihre Buchhandlung nicht, die wie sie vom Rhein an die Spree umgezogen ist. "Viele haben ihre Bücher telefonisch oder per Fax bestellt. Wir haben dann ausgeliefert."

Für viele Abgeordnete und Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung ist die Parlamentsbuchhandlung ein Stück rheinische Heimat, der Inhaber ein alter Bekannter. Die Buchhandlung ist so alt wie die Bundesrepublik. Ihre Gründung geht zurück auf einen Gnadenakt des ehemaligen Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmeier. Er erlaubte der Witwe eines von den Nazis Hingerichteten, einen Laden in der Lobby des Bundestags-Gebäudes zu eröffnen. Das Geschäft florierte, 1970 siedelte die Buchhandlung in die Nachbarschaft des Abgeordneten-Bürohauses um.

Mit ihrer Eröffnung im Jakob-Kaiser-Haus ist sie an den parlamentarischen Betrieb nun wieder ganz nah herangerückt. Draußen am Zeitungsständer in der Wilhelmstraße hängen Stuttgarter Zeitung, Rheinische Post, Kölner Stadtanzeiger und andere westdeutsche Blätter. Drinnen, im geschmackvoll eingerichteten Verkaufsraum, begrüßt Benedikt Maderspacher die Kunden. Die Parlamentsbuchhandlung wirbt mit Artikel 5 des Grundgesetzes. Das "Recht auf freie Meinungsäußerung" läuft im Wortlaut über die gesamte Breite des Geschäfts, das Grundrecht ist von schmalen Säulen getragen, die den Verkaufsraum durchbrechen. Zu seinen Kunden zählt der Buchhändler Helmut Kohl, Gerhard Schröder, Friedrich Merz, Wolfgang Gerhard und Klaus Kinkel, Norbert Blüm und andere prominente Bundespolitiker. Für sie alle ist Benedikt Maderspacher, genannt "Ben", der Buchhändler ihres Vertrauens, ein vertrautes Gesicht aus Bonner Tagen. Bereits als Schüler begann Maderspacher 1973 seine Laufbahn in der Parlamentsbuchhandlung neben dem Langen Eugen, die er vor zwölf Jahren als Inhaber übernahm.

In der Nachbarschaft zur Macht gehen die Protagonisten der Republik bei ihm ein und aus. Der Buchhändler aus Bonn kennt daher manche Geschichte, die nicht in Büchern geschrieben steht. So setzte sich Maderspacher etwa für die deutsch-deutsche Annäherung ein, indem er dem ersten Ständigen Vertreter der DDR ein Haustelefonbuch des Deutschen Bundestages besorgte. "So eine Liste war damals nicht öffentlich zugänglich", erzählt Maderspacher. "Als herauskam, woher er sie bekommen hatte, wurde mir beinahe der Kopf abgerissen."

Inzwischen gehören Handbücher über das Innenleben der zentralen Bundesinstitutionen zu den Bestsellern in der Parlamentsbuchhandlung. Im "Bund transparent und aktuell" etwa finden sich Organogramme aller Bundesministerien mit allen Ansprechpartnern, Adressen und Telefonnummern. "Vor allem die Lobbyisten kaufen das. Da wissen die gleich, wen sie bestechen müssen", scherzt Maderspacher. Eine große Auswahl politischer Sachbücher, Bildbände und Handbücher über Berlin und natürlich alles, was jede andere Buchhandlung auch zu bieten hat, gehören ebenfalls zum Sortiment in der Wilhelmstraße. Besonders begehrt sind handsignierte Exemplare der Bücher aus der Feder seiner prominenten Kunden, die es bei Maderspacher ohne Aufpreis zu kaufen gibt.

Über die literarischen Vorlieben bekannter Parlamentarier schweigt der Buchhändler jedoch eisern: "Diskretion gehört zum Geschäft." Nur so viel verrät er: Seine Kunden bevorzugten vor allem politische Kost.

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