Berlin : Der Bulle und der Rennstallgeruch

Nach der Premiere von „Autobahnraser“ feiern die Darsteller auf der Kartbahn weiter

Marc Neller

Am Schluss ist es in der Wirklichkeit ähnlich wie auf der Kinoleinwand, und Thomas Heinze hatte mehrere vergebliche Versuche unternommen, schneller zu sein als seine Widersacher. Der Donnerstag ist in einer Spandauer Kartbahn gerade in einen Freitag hinübergekippt. Vor anderthalb Stunden ging in einem Kino ganz in der Nähe die Premiere der „Autobahnraser“ zu Ende. In dem Film gibt Heinze einen Oberpolizisten, der zwei Gruppen von Menschen verfolgt: eine russische Autoschieber-Truppe und etwa zwanzig Twens, die sich mit ihren schwer aufgemotzten BMWs, Mustangs oder Smarts regelmäßig zu illegalen Rennen auf der Autobahn A 40 bei Duisburg verabreden. Schmitt- Jahnke, so heißt Heinzes etwas eitler Kommissar im Film, stellt die Autoschieber. Ohne dass er selbst was dafür kann, ein junger Kollege hat den Zugriff eingefädelt. Die Autobahnraser kriegt er nicht. Die sind zu schnell.

In der Wirklichkeit – mal beiseite, dass eine Premierenfeier in einer Kartbahn auch inszeniert ist – fährt Jungschauspieler Franz Dinda dem echten Thomas Heinze im Duell mit einer Art motorisiertem Kettcar ständig davon. Die Computer in der Boxengasse und auf der Zuschauertribüne haben die bessere Hälfte ihres Lebens schon hinter sich, altersmilde sind sie trotzdem nicht. Dindas beste Runde auf dem Kart-Parcours: 39,34 Sekunden. Heinze eine halbe Sekunde dahinter. Dritter Platz. Nicht gewonnen, aber auch nicht so schlecht. Einerseits.

Andererseits knattern und röhren im Motodrom die kleinen Motoren und am Streckenrand klingt es, als würden in einer Reihenhaussiedlung 35 Männer an einem Samstag ihren Rasen mähen. In der Boxengasse schlägt einem Benzingestank entgegen. Drei für diesen Abend geliehene Boxenluder in Knapp und Weiß tragen, lächelnd und die Hüften wiegend, ihren Teil zum kleinen Formel-Einmaleins bei. Kurzum: Das Rennen und das ganze PR-Drumherum heben umso deutlicher hervor, was das Drehbuch dem Film und seinem erfolglosen Kommissar verweigert: Rennstallgeruch, ein bisschen von dem, was „Authentizität“heißt. Ob Thomas Heinze das ähnlich sieht, sagt er nicht. Wäre es so, er würde es wohl verschweigen. „Ich glaube, dass der Film funktioniert“, sagt er. Es klingt distanziert.

Distanziert seinem aktuellen Film gegenüber wirkt Heinze auch, weil er nicht den Eindruck erweckt, als wolle er ausführlich über ihn reden. Was man dem Schauspieler im Grunde nicht verübeln würde, weil man es gut nachvollziehen könnte. Zu Beginn seiner Karriere hat Thomas Heinze am Theater gespielt, in Schlöndorffs Frisch-Verfilmung „Homo Faber“ eine kleine, viel beachtete Nebenrolle. In den Neunzigern hatte er Erfolg mit Filmen wie „Allein unter Frauen“ und war fortan auf Komödien abonniert. Seine Rolle: gut aussehender Macho mit weichem Kern, lernfähig, also sympathisch.

Thomas Heinze sieht auch an diesem Abend gut aus, aber anders als die gut aussehenden und zumeist unbekannten Kollegen. Er trägt einen schwarzen Rollkragenpulli, Jeans, Treckingschuhe. Die Kollegen ähneln Models aus den Katalogen einer angesagten schwedischen Modehauskette. Das letzte Rennen ist gefahren, da strahlt Heinze zum ersten Mal an diesem Abend. Man könnte sich vorstellen: weil es vorbei ist.

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