Der Checkpoint-Jahresrückblick : Es war nicht alles schlecht

2016 war ein Jahr zum Vergessen? Quatsch! Der Rückblick auf unseren Berlin-Newsletter Checkpoint zeigt: Die beste Stadt der Welt glänzte mit lauter guten Nachrichten.

Lorenz Maroldt
Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegels, Autor des Checkpoints.
Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegels, Autor des Checkpoints.Foto: Andreas Labes

Den Leuten die Tür eintreten, ehe sie die Augen aufmachen, mit einer morgendlichen Mail über eine Wahnsinnsstadt: Das will der Checkpoint, unser Berlin-Newsletter. Und dafür wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Grimme Online Award, dem wichtigsten Preis für deutsche Netzmedien. Kostenlos abonnieren unter checkpoint.tagesspiegel.de.

Januar
4.1.: Heute wird Berlins berühmtestes Silvesterbaby vorgestellt – es hat Schlappohren und Riesennase, aber noch keinen Namen (und ob’s ein Junge, ein Mädchen, Trans oder Inter ist, steht auch noch nicht fest). Mama Kewa und Papa Ankhor freuen sich dennoch über Vorschläge, abzugeben im Tierpark, Elefantengehege.

5.1.: Breaking News von der Ahnenforschung: Sissy (nein, nicht Romy Schneider – die echte!) hat einen Ururenkel in Hermsdorf. Puh… wir sind ja wohl voll der Promi-Hotspot geworden – früher gab’s doch so was nur in München!

12.1.: „Berlin ist, wenn es eine Nachricht wert ist, dass Verwaltungen ihre Rechnungen bezahlen, twittert der Abgeordnete Martin Delius – bitte sehr: „Das Lageso begleicht 75 Millionen Euro Schulden.“ Geht doch.

19.1.: Klingt doch mal gut: Bei etlichen Linien will die BVG „den Takt verdichten“ – vielleicht wird ja dann aus dem verschleppten 3/4-Geschaukel zumindest ein zügiger Beat.

20.1.: Jetzt müssen wir ganz stark sein: Zum ersten Mal überhaupt ist Berlin beim GfK-Ranking der beliebtesten Metropolen der Welt in die Top 10 gehüpft - und woran lag’s (u.a.)? An der Freundlichkeit der Bevölkerung“. Hilfe – womit haben wir das bloß verdient! P. S.: Die „klimatischen Gegebenheiten“ haben auch eine Rolle gespielt – die Studie muss wohl schon ein bisschen älter sein.

21.1.: Die „Zeit“ hat Moritz von Uslar für einen Bericht in die „prolligste Stadt Deutschlands“ geschickt – und nein, es geht nicht um Berlin. Sondern Köln.

29.1.: Falls Sie mal von Sheffield nach Hutton (Essex) müssen – am billigsten geht’s über Berlin: Per Zug kostet die Fahrt inklusive Schinken-Käse-Toast und Bus zum Bahnhof 51,79 Pfund, per Flug via SXF inklusive Currywurst vorm Brandenburger Tor und Flughafenbus nur 44,07 Pfund (Umweg: 1636 km). Wie das geht und ob’s geschmeckt hat, beschreibt Jordon Cox aka The Coupon Kid im Blog moneysavingexpert.com.

Februar
1.2.: Berlin hat den Karnevalsumzug am Sonntag – den ersten seit drei Jahren – ohne größere Schäden hinter sich gebracht. Erwähnenswert, weil von den Wagen Schokoriegel gleich in der Familienpackung geworfen wurden. Aber wer Karneval feiert, weiß ja (zumindest anfangs), worauf er sich einlässt.

3.2.: Vier Polizist(inn)en sind in der Nacht in den Neuköllner Schifffahrtskanal gesprungen, als sie einen Mann untergehen sahen. Mit Feuerwehrleuten retteten sie den 69-Jährigen, ließen sich kurz im Krankenhaus behandeln und machten – nein, nicht Feierabend, sondern weiter. Die Polizeimeldungen lassen regelmäßig vermuten, dass es dort mehr tolle Hechte gibt als im Wannsee. Respekt!

12.2.: Gute Nachricht für pensionierte Grundschullehrer: Ab sofort müssen Sie nicht mehr tagsüber mit Ihrem Dosenbier vorm Einkaufscenter abhängen – Sie können zurück an die Arbeit! Bildungssenatorin Scheeres möchte mit Ihnen gerne „noch für ein oder zwei Jahre“ ein paar hundert Lücken stopfen. Aber gehen Sie am besten vorher noch mal aufs Klo – die Dinger sind leider immer noch nicht überall repariert.

17.2.: In keiner anderen Stadt wächst die private digitale Wirtschaft so schnell wie in Berlin – die Investitionsbank rechnet hier mit 270.000 zusätzlichen Jobs bis zum Jahr 2030. Der Senat ist ganz elektrisiert und startet eine millionenschwere „Offensive“ – klar, dass für die eigenen Computer da nicht mehr viel übrig bleibt.

19.2.: Auf einem Kreis liegen die Punkte A, B, C und D, in dieser Reihenfolge. Die Sehnen AC und BD schneiden sich im Punkt P, die Senkrechten auf AC im Punkt C bzw. auf BD im Punkt D schneiden sich im Punkt Q. Beweisen Sie, dass die Geraden AB und PQ senkrecht aufeinander stehen. Na? Wie sieht’s aus? Fünf Minuten haben Sie noch… Okay, lassen wir das, oder besser: Überlassen wir das dem 17-jährigen Branko Juran aus Pankow – der ist nämlich gerade mit der Lösung einer solchen Aufgabe Sieger im Bundeswettbewerb Mathematik geworden. Da soll noch mal einer sagen, dass wir hier in Berlin nicht rechnen können!

29.2.: Zum Schluss noch etwas aus der Reihe „Hauptstadt der Erfinder“: Der Berliner Julian Lechner hat eine Kaffeetasse entwickelt, die aus Kaffeesatzhergestellt wird. Daraus lässt sich was machen – vielleicht ein Flughafen, der aus Flughafensatz gemacht wird?

März
9.3.: Berlin ist Deutschlands wärmstes Bundesland. 10,8 Grad maß der Wetterdienst im Schnitt des vergangenen Jahres und spricht von „erlebtem Klimawandel“. Schön, dass wir das noch erleben dürfen.

16.3.: Liebe Leserinnen und Leser – hier kommt eine Sensation: Der BER ist eröffnet! Jedenfalls im Geografiebuch Seydlitz Klasse 9/10 (Druck 2015) – auf Seite 128 steht unter der Überschrift „Verkehrsknoten Berlin“: „Auch in das Straßennetz und das Flughafensystem flossen hohe Investitionen. Der rund 3 Milliarden Euro teure Flughafen Berlin Brandenburg BER bei Schönefeld ist seit 2012 einziger Flughafen der Region.“

24.3.: Im Flüchtlingslager Tempelhof sind wieder 600 Plätze frei, was die zeitweise fürchterliche Lage dort etwas entspannt: Von den seit Herbst in den Hangars untergebrachten Menschen konnten viele endlich in bessere Quartiere ziehen, und der Strom der Neuankömmlinge ist dünn geworden. Der Ausbau des Flughafengebäudes zum zentralen Aufnahmezentrum soll aber weitergehen – auch, um die zur Registrierungsstelle umfunktionierten Sporthallen an der Glockenturmstraße freizubekommen.

30.3.: Gestern spannte sich ein Regenbogen über Berlin (vielleicht ja ein Gruß an unser Onlineprojekt Queerspiegel) – so breit und bunt, dass man drüber hinweg von Ost nach West schlittern wollte. Fotos des furiosen Filzstifthimmelsspektrums ergossen sich wie ein warmer Frühlingsschauer in die sozialen Netzwerke. Und die Radiokollegen von Flux FM versprachen ganz geblendet: „Bilder vom Einhorn gibt’s morgen.“

April
13.4.: „Berlins Lehrer werden immer jünger“, teilt die Bildungsverwaltung mit (immer!) – 2012 waren sie noch 50,2 Jahre alt, 2016 nur noch 47,8. Wenn das so weitergeht, müssen im Jahr 2073 die Pädagogen zum Unterricht ihre Erziehungsberechtigten mitbringen.

18.4.: Die Menschen in Palermo bewerten ihre Verwaltung noch schlechter als die in Berlin (offizielle EU-Umfrage, 40 000 Teilnehmer). Das reicht für Berlin für Platz 74 (von 79) und zum Titel „Beste Berliner Verwaltung Europas“ – wir gratulieren.

25.4.: Hier etwas Neues aus der Rubrik „+++Eil+++Breaking News+++“ (von nahezu allen Zeitungen prominent vermeldet): „Tom Hanks erwägt Wohnungskauf in Berlin“ – tatsächlich, er erwägt es! Wow, wir sind wieder wer.

Mai
2.5.: Lieder schmettern kann jeder, Bälle schmettern können am besten die BR Volleys. Berlins Netzhüpfer sind (nach einem Sieg über Friedrichshafen) nun auch deutscher Meister und haben damit alle drei möglichen Pokale der Saison nach Berlin geholt. Nach dieser Party kann man die Spieler heute an ihrem Gang erkennen: Triple-Schritte.

17.5.: Sensationelles Umzugstempo der legendären „Hafenbar“ (Berlins ältester Club, est. 1967): Kaum hatte der letzte Gast das Haus in der Chausseestraße (ist verkauft und wird abgerissen) am Sonntag um 5.24 verlassen, wurden Bullaugen, Fischernetze und Holzvertäfelung abgebaut und an den neuen Standort Karl-Liebknecht-Straße 11 gebracht – dort geht’s schon am 3. Juni weiter.

18.5.: Hurra, wir sind jetzt auch Welthauptstadt der „Meetingbranche“ – das Convention Office von visitBerlin teilt mit: „Berlin liegt bei der Ausrichtung internationaler Verbandskongresse auf Platz 1“ - und das zum ersten Mal, mit 195 Veranstaltungen vor Paris (186) und Barcelona (180).

23.5.: Ihnen gehen die vielen Touristen auf die Nerven? Dann empfehle ich zur Beruhigung eine Portion Relativismus (rezeptfrei per Mail): In der Kategorie „ÜpE“ (Übernachtung pro Einwohner) liegt Berlin im Vergleich von 250 deutschen Städten gerade mal auf Platz 122 (8,7 ÜpE). Spitzenreiter ist Norddorf (625,2), gefolgt von Ewiger-Eller (486,2) und Langeoog (425,4).

25.5.: Im Wettbewerb um den Titel „Deutschlands peinlichste Baustelle“ sah es so aus, als hätten wir mit unserem BER die Hamburger mit ihrer Elbphilharmonie nach langem Kopf-an-Kopf- Schleichen abgehängt – das Ding scheint tatsächlich fast fertig zu sein und soll am 11. Januar eröffnet werden (angeblich sogar 2017). Doch jetzt enthüllte Kollege Mark Spörrle von der „Zeit“ in seiner „Elbvertiefung“ erschütternde Details über die Verkehrsanbindung des Schmuckstücks: Mit dem Auto geht’s nicht, weil der Kaiserkai gesperrt wird und auf den Klappmechanismus der Ghandi-Brücke kein Verlass ist; eine eigene U-Bahnhaltestelle wurde vergessen; der Bus hält vor der Ghandi-Brücke, die aber auch vor Fußgängern aufgeht; wer mit dem Rad kommt, wird seine Abendgarderobe verlässlich durchs Schietwetter schieben; vergessen Sie auch das Taxi, es dürfen dort immer nur drei auf einmal stehen (und Sie sind garantiert der vierte Fahrgast); ähnlich voll wird das Schiffchen (Linie 72), das alle 20 Minuten kommt (vielleicht); bliebe die Anreise aus der Luft – aber sie wollten ja in HH unbedingt eine Philharmonie bauen und keinen Flughafen.

27.5.: Ach, du meine Tüte. Im Postbahnhof findet am Wochenende Deutschlands größte Hanfmesse statt. Das Geschäft scheint zu boomen wie das Friseurhandwerk, zumindest was die Ausstellernamen angeht: „Annabis“, „Nachtschatten“ oder „Verdampft nochmal“. Das inoffizielle Messemotto steht auch schon fest: Hanfdampf in allen Gassen.

Juni
1.6.: Der Checkpoint bekommt zwölf kleine Brüder und Schwestern für alle Berliner Bezirke! Jeweils einmal in der Woche bringt Ihnen „Tagesspiegel Leute“ per Mail ganz nah, wer und was um Sie herum wichtig ist. Kostenlos zu bestellen unter leute.tagesspiegel.de.

Zum ersten Mal seit 1990 ist in Berlin die Arbeitslosenzahl auf unter 10 Prozent gesunken. Natürlich lässt sich das relativieren (im Ländervergleich bleibt Berlin Vorletzter) und minimieren (ca. 11 500 Arbeitslose fallen wegen „Maßnahmen“ aus der Statistik) – aber sich einen Tag lang über was freuen, tut ja auch mal gut (Hinweis für Neuberliner: Nicht gemeckert ist hier genug gelobt).

8.6.: Richtig begeistert von Berlin zeigte sich Rudolph Giuliani (Motto: „Zero Tolerance“) bei seinem Besuch: „Sauber und attraktiv“ fand er es – bis ihm jemand sagte, dass 38 vollgesprühte U-Bahnen aus dem Verkehr gezogen werden mussten. Seine Reaktion: „Oh. Ich hasse Graffiti.“

9.6.: Wirklich erfreulich sind Ihre gelegentlichen Mitteilungen über gute Erfahrungen in den Bürgerämtern (Ja, die gibt es!) – und meistens hat das mit hilfsbereiten und flexiblen Mitarbeiter*_Innen zu tun (alles richtig so?). Deshalb wagen wir von morgen an ein Experiment: Jeden Tag eine gute Nachricht vom Amt – schaffen wir das? Schaffen wir!

10.6.: Hier die erste Folge unserer neuen Wohlfühl-Reihe „Amt, aber glücklich“ – Gewinnerin des Tages ist die Sachbearbeiterin Frau Tercan vom Bürgeramt in der Schlesischen Straße. Checkpoint-Leser Jens Gürtler schreibt: „Vor 1 Woche telefonisch meinen Wunschtermin bekommen, nur 20 min gewartet, gleich drei Anliegen auf einmal erledigt – alles sehr erfreulich.“ Na bitte, geht doch!

Gute Nachrichten für die Musikerin Elen, die wegen ihres aufgeklappten Gitarrenkoffers („unerlaubtes Abstellen von Gegenständen“) in Absurdistan (Zweigstelle Berlin) zu 1000 Euro Strafe verknackt wurde: Die Fraktion der Linken sammelte spontan 800 Euro für sie.

Die „New York Times“ hat zwar den Berlin-Hype abgeblasen, uns dafür aber attestiert, ein „Spielplatzparadies“ zu sein (Lügenpresse!).

13.6.: Riesenresonanz auf die neue Checkpoint-Reihe „Amt, aber glücklich“ – Ihre Mails zeigen, dass trotz aller Probleme in den Bürgerämtern auch einiges überraschend gut funktioniert – vor allem dank der Angestellten.

21.6.: Falls Sie mal dringend in Ruhe Ihre Mails checken wollen – im Französischen Dom und in der Gedächtniskirche wird heute der „Godspot“ freigeschaltet (kostenloses Wlan). Statt Werbung läuft im Hintergrund ein Gottesdienst.

24.6.: Herrlicher Leserbrief von Matthias Helfrich – eine Hymne auf die tollste Stadt der Welt: „Meine Frau und ich (seit zwei Jahren in Berlin) haben noch nirgendwo so fitte und vitale über 80-Jährige (m/w) gesehen wie in Berlin. Bestes Beispiel: unser Nachbar Heinz M. in Friedenau, Jahrgang 1934, gelernter Stahlbauer, aufgewachsen im Ostteil der Stadt, später Ausbürgerung und Umzug nach West-Berlin. Er besucht mit uns Pop-Konzerte, geht mit uns zur Hertha und schickt alle Arten von WhatsApp-Nachrichten bzw. Bilder. Vor wenigen Minuten erhalten: ‚Das schönste an der Gartenarbeit ist das Gießen. Prosit.’ Ich ‚sehe’ ihn gerade aus der Ferne nach getaner Arbeit im Garten beim Bier. Das ist Berlin – liegt das an der ‚Berliner Luft’? Offenbar hält diese Stadt einfach jung.“

27.6.: Gewinner heute in der Rubrik „Amt, aber glücklich“ ist das Rathaus Köpenick – CP-Leser Robert Lindner schreibt: „Ohne Termin für einen Reisepass hin. Dort: EDV-Panne, Hälfte der Computer lahmgelegt, trotzdem rangekommen. Zu allem Überfluss hat die Mitarbeiterin Nasenbluten, doch sie lächelt tapfer und sagt: ,Hamwa schon schlimmeret erlebt, kriegen wa hin.’“ – Top!

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