Berlin : Der Chef überwachte jeden Schritt

Callgirlring: Zeugin schildert Leben als Zwangs-Prostituierte

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Einen Monat nach ihrer Ankunft in Berlin versuchte sie zu fliehen. Ohne Reisetasche sei sie die Treppe hinunter gegangen, sagte die 21jährige Zeugin. Sie habe es nicht mehr ausgehalten. Doch einer der Bewacher habe sie abgefangen. „Dann haben sie eine Videokamera installiert“, erinnerte sich die junge Frau. Hinter dem Sofa der Wohnung seien „Lauschgeräte“ versteckt gewesen. „Mädchen, ich weiß alles“, habe Borys B. gewarnt.

Zum zweiten Mal saß die Zeugin gestern vor dem Berliner Landgericht und versuchte, sich an jedes Detail zu erinnern. Sie ist eine der Ukrainerinnen, die von dem mutmaßlichen Menschenhändler Borys B. nach Deutschland gelockt und laut Anklage unter massiven Drohungen zur Prostitution gezwungen wurden. Im Zuge der Ermittlungen um den Callgirlring war Michel Friedman in die Schlagzeilen geraten.

Olesya G. hatte den Richtern erklärt, dass sie an eine Arbeit als Kindermädchen in Deutschland gedacht habe. Doch bei ihrer Reise mit Station in Polen sei sie vergewaltigt, in ein Hotelzimmer eingesperrt und geschlagen worden. Wenn sie nun von ihrem eigenen Schicksal berichtet, erwähnt sie immer wieder auch Namen von Mädchen, die Ähnliches erlebt hatten. „Als ich in Berlin ankam, sagte Ola, dass ich in eine richtige Scheiße geraten sei“, meinte die Zeugin. Borys B. und zwei weitere Männer sollen laut Anklage 15 Frauen aus der Ukraine und Polen illegal nach Deutschland geschleust haben.

Zeugin G. schilderte einen täglichen Kampf ums Überleben. „Sie ließen uns kaum Geld.“ Von den bis zu 95 Euro, die ein Freier zahlen musste, seien den Mädchen 25 Euro gelassen worden. „Wir konnten uns nicht einmal genug Essen kaufen.“ Für die Wohnung in Steglitz habe Borys B. Miete verlangt. „Ständig wollte er mehr.“ Und für den polnischen Pass, den er ihr ausgehändigt hatte, habe sie 150 Euro monatlich bezahlen müssen.

„Wir haben von den Trinkgeldern gelebt, die uns Freier gaben.“ Davon allerdings hätten die Fahrer, die die Frauen zur Kundschaft brachten, ihren Teil verlangt. „Hätten Sie weggehen können?“ fragte der Richter. Olesya G. schüttelte heftig den Kopf. „Nein, natürlich nicht.“ Von Anfang an habe Borys B. Drohungen ausgesprochen - sie werde bei Weigerung umgebracht und im Wald vergraben, bei einer Flucht würden ihre Eltern zu leiden haben. Die Befragung der Zeugin wird am 9. Dezember fortgesetzt. K.G.

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