Berlin : Der Chip als Krankenakte

100000 Berliner werden Testpatienten: Nächstes Jahr startet der Modellversuch für eine elektronische Gesundheitskarte

Ingo Bach

Berlin will nun doch am Testlauf für die elektronische Gesundheitskarte teilnehmen. Im kommenden Jahr sollen nach Tagesspiegel-Informationen bis zu 100000 gesetzlich Versicherte die Karte erproben. Diese soll nach dem Willen des Gesetzgebers schon bald die jetzigen Versichertenkarten ablösen. Krankenkassen und Gesundheitspolitiker hoffen, so Kosten zu sparen und die Behandlungsqualität für die Patienten verbessern zu können. Denn das mit einem Passfoto versehene Plastikplättchen soll betrugssichere Chipkarte, Patientenakte und Rezeptblock in einem sein. Auf ihr können Arzneiverordnungen ebenso gespeichert werden wie Notfalldaten, etwa die Blutgruppe oder Medikamentenallergien. Einige Vorteile für den Patienten: Im Unglücksfall kann der Arzt schnell alle relevanten Daten per Lesegerät einsehen. Und durch die Speicherung aller verschriebenen Medikamente ist es möglich, negative Wechselwirkungen zu vermeiden. Aber auch Nachteile werden diskutiert. So gibt es Befürchtungen, dass die Daten nicht ausreichend vor unbefugtem Zugriff geschützt werden können.

Diese Fragen wollen Krankenkassen, Ärzte und Industrie in diversen Modellversuchen klären, die derzeit in mehreren deutschen Städten vorbereitet werden. Noch vor einem Jahr war, wie berichtet, die Teilnahme der Hauptstädter an der AOK Berlin gescheitert, die die Millionenkosten des Testlaufes nicht tragen wollte. Doch nun arbeiten die Barmer Ersatzkasse und der Münchner Siemens-Konzern, der ein Konzept für eine Gesundheitskarte entwickelt hat, an einem Projekt in Berlin. Die elektronische Gesundheitskarte verspricht ein weltweit milliardenschweres Geschäft zu werden. Und ein Anbieter, der Referenzen eines gelungenen Projektes in Berlin vorweisen kann, hat einen Marketingvorteil. Siemens lobt die Unterstützung, die man von gleich drei Senatsressorts – Gesundheit, Wirtschaft und Wissenschaft – erfahren habe. Außerdem mache die enge Verzahnung von medizinischer Regelversorgung und medizinischer Spitzenforschung die Stadt für ein solches Pilotprojekt sehr interessant, sagt Norbert Kollack, Projektleiter E-Health bei Siemens.

Die Senatsgesundheitsverwaltung moderiert die Verhandlungen. Gesundheitsstaatssekretär Hermann Schulte-Sasse geht davon aus, dass Ende diesen Jahres die Vorbereitungen abgeschlossen sind und 2006 die Pilotphase beginnt.

Einige Fragen seien aber noch offen, sagt Siemens-Projektchef Kollack. Anfang Oktober ist ein Treffen zwischen Siemens und der Barmer vereinbart. Dabei geht es auch um Geld, denn das Projekt, bei dem anfangs hunderte, später bis zu 100000 Versicherte, außerdem Ärzte, Kliniken und Apotheker mitmachen, kostet bis zu acht Millionen Euro. Wenn Siemens auf dem attraktiven Markt präsent sein wolle, dann müsse der Konzern auch den Großteil der Kosten tragen, meint der Berliner Barmer-Chef Hermann Schmitt. „Wir stellen unser Know-how und unsere Versicherten zur Verfügung.“ Mit rund 350 000 Versicherten ist die Barmer die drittgrößte Kasse in der Stadt. Kollack spielt den Ball zurück: „Derjenige, der von den Kosteneinsparungen durch die Gesundheitskarte profitiert, der sollte auch den größten Teil der Finanzlast tragen. Und das sind die Krankenkassen.“

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