Berlin : Der Club der virtuellen Kicker

Beim Online-Game „Hattrick“ wird Fußball gespielt und gemanagt wie im wirklichen Leben

Elke Wittich

Wenn 50 deutsche Fußballmanager gebannt auf eine Lostrommel starren, dann kann es nur um die Auslosung einer Pokalrunde gehen. Wie in der Kreuzberger „Milchbar“, wo sich Vereinsverantwortliche am Wochenende versammelt hatten, um zu ermitteln, wer in der aktuellen Cup-Runde gegen wen antreten muss. Geladen hatte jedoch nicht der Deutsche Fußballbund (DFB), sondern die „Berlin Brandenburg Connection“ (BBC), ein Zusammenschluss der bei „Hattrick“ aktiven virtuellen Fußballmanager der Region.

Hattrick? Der Schwede Björn Holmér hatte Hattrick im Herbst 1997 eigentlich nur als Hobbyprojekt begonnen – mittlerweile ärgern oder freuen sich im Internet unter www. hattrick.org weltweit fast 200 000 User Samstag für Samstag über ihre Kicker.

Mit den einschlägig bekannten Konsolen- und Computer-Kicker-Games hat das Spiel kaum etwas zu tun. Das kostenlose Online-Spiel bietet weder raffinierte Grafiken noch bewegte Bilder, sondern lediglich die Fußball-Basics: Aufstieg, Abstieg, Training, Taktik, Freundschaftsspiele, Nachwuchsförderung oder den internationalen Spielermarkt. Dabei ist Fantasie gefragt.

Jedes Hattrick-Mitglied bekommt einen Verein mit 20 Spielern zugeteilt, deren Fähigkeiten exakt beschrieben werden. Entsprechend stellt er sie vor einem Match gegen einen anderen Hattrick-Spieler auf dem skizzierten Fußballfeld im Bildschirm auf. Danach bestimmt das Hattrick-Programm den weiteren Verlauf. Die Kontrahenten können ihre Männer nicht selbst steuern, sondern erhalten fortlaufend schriftliche Spielberichte wie von einem Sportreporter. Wer seine Mannschaft stärken will, kann selbstverständlich einen neuen Trainer engagieren oder bessere Spieler einkaufen und eigene verkaufen. Und wie im richtigen Leben dürfen bei Hattrick die besten Kicker in der Nationalmannschaft um die WM spielen.

Die Berlin Brandenburg Connection ist mit 164 Mitgliedern nicht nur die größte deutsche Föderation, man stellt derzeit mit der Managerin Kaalita sogar die erste Bundestrainerin - Kaalitas Jungs haben gerade ein Freundschafts-Spiel gegen Ungarn gewonnen, aber das interessiert die Bundestrainerin im Moment nicht so sehr. Denn eben wurde ihr Ligateam einer besonders schweren Pokal-Gruppe zugelost. „Das wird hart!“ stöhnt sie und prostet der Konkurrenz zu. Manni Teufel, eines der ersten BBC-Mitglieder, notiert derweil gewissenhaft die ausgelosten Begegnungen. „Wir sind definitiv kein Minderjährigen-Verein“, lacht er. „Als ich bei Hattrick anfing, dachte ich, ich sei sicher der einzige Erwachsene unter lauter 17-Jährigen - irgendwann jedoch trafen wir uns dann mal im richtigen Leben und stellten fest, dass wir fast alle über 30 Jahre alt sind.“

Besonders spannend findet er an Hattrick, dass man Kontakte mit Menschen in aller Welt knüpfen kann. Mit dem derzeitigen Nationaltrainer von Peru steht der Berliner Manager zum Beispiel in regem Mailkontakt, der über Fußball-Fragen weit hinausgeht: „Nach den schrecklichen Anschlägen von Madrid etwa schrieb er mir, dass solcher Terror für ihn und seine Landsleute ganz einfach alltäglich sei.“

Kollege Kettcar hat gerade wieder eine Losnummer einer Pokalgruppe zugeordnet. „Ach, wieder mal ein Kolkwitzer!“ grinst er. In der BBC heißen „nämlich fast mehr Vereine Kolkwitz als Hertha.“ Aber irgendwann sind alle Kolkwitzer verteilt. Zeit, die Pläne des BBC zu erörtern: „In diesem Sommer werden wir erstmals wirklich gegeneinander Fußball spielen“, freut sich Manni Teufel.

Kurz darauf holt ihn jedoch das unwirkliche Computer-Leben wieder ein. Es ist halb zwölf, und Punkt Mitternacht besteht an jedem Samstag zu Hause die Chance, gegen Zahlung von 1000 Euro einen Spieler aus der eigenen Jugend in den A-Kader aufzunehmen. Nachzuschauen, ob man diesmal vielleicht endlich einen jungen Pelé bekommt statt eines leidlich talentierten Stinkstiefels, verlockt ungemein.

„Ähem, ich geh dann mal!“, erklären daher viele BBCler. Und werden von ihren Fußball-Kollegen beschieden: „Mach nur – aber wenn du so einen Nixkönner erwischst, dann jammere nicht.“

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