Berlin : Der Columbo von Neukölln

Im Internet kam der Detektiv Horst Borscht ganz groß raus. Jetzt erzählt der Zeichner und Texter Kai Pfeiffer die Abenteuer des Ermittlers als Comic-Krimi. Von Montag an erscheinen seine Geschichten im Tagesspiegel – täglich und exklusiv. Heute stellen wir Ihnen den Künstler und seinen Hauptdarsteller vor.

Lars von Törne

Von außen sieht die Pizzeria „I Trulli“ harmlos aus. Aber hinter der unscheinbaren Fassade an der Hermannstraße lauert die Gefahr. Der Chef ist ein skrupelloser Gangster. Wer ihm in die Quere kommt, wird mit einer Prise Zombiegift unschädlich gemacht. Die Substanz aus dem Verdauungstrakt des Kugelfisches hat die sofortige Totenstarre zur Folge. Als der unbeholfene Privatdetektiv Borscht zufällig Zeuge einer Gift-Attacke wird, stellt er dem Wirt neugierige Fragen. Es dauert nicht lang, bis auch ihm eine Portion präparierter Pasta vorgesetzt wird…

Vor dem Tatort steht der Zeichner Kai Pfeiffer und hält seine Digitalkamera in den Nieselregen. Ein Bild von der Fassade der Pizzeria, eins vom Namensschild über der Tür, ein paar Notizen und eine Skizze in seinen Notizblock, dann wandert der große Blonde weiter Richtung Hermannplatz. So hat Kai Pfeiffer im Laufe der vergangenen Monate einen beachtlichen Teil Neuköllns abgewandert, mit der Kamera erfasst und in seinem Skizzenblock festgehalten. Zwischen Hasenheide und Britz, auf Sonnen- und Karl-Marx-Allee hat der 27-Jährige die Menschen beobachtet, Würstchenbuden, schummrige Kneipen und rumpelige Hinterhöfe inspiziert und hat seine Phantasie vom gelegentlich recht rauen Charme der Einheimischen anregen lassen. Entstanden ist eine Detektivserie, wie es sie noch nicht gegeben hat: Ein Berliner Comic-Krimi aus Neukölln. Von diesem Montag an erscheint die Serie täglich im Tagesspiegel.

Hauptfigur der Geschichten ist der Privatdetektiv Horst Borscht. Im Trenchcoat und mit Schlapphut wirkt er wie eine Mischung aus Philip Marlowe, Columbo und Helge Schneider. Vor authentischem Neuköllner Hintergrund erlebt er ziemlich absurde Abenteuer. Der konfuse, gelegentlich etwas geistesabwesende, aber unverwüstliche Ermittler und sein einziger Freund, der Papagei Manzoni, tummeln sich schon seit längerem im Neuköllner Kiez. Bislang konnten Krimifans ihre Erlebnisse aber nur am Computerbildschirm verfolgen. Borscht ist der Held der gleichnamigen Internet-Krimiserie. Regelmäßig gibt es neue Folgen seiner grotesken Abenteuer in Drei-Minuten-Videoclips anzuschauen, am Ende einer jeden Staffel darf das Publikum abstimmen, wie es weitergehen soll. Im Sommer wurde „Borscht“ mit dem höchsten deutschen Multimedia-Preis, dem Grimme Online Award, ausgezeichnet. Erschaffen haben die interaktive Serie die beiden Neuköllner Thomas Kleine und Norbert Kleemann. Die Krimifans und Kiez-Patrioten wollen zeigen, dass ihr Bezirk mehr zu bieten hat als die Klischees von der „Endstation Neukölln“ („Der Spiegel“) vermuten lassen. Vergangene Woche haben sie mit ihrer Firma Safran Films rund um die Schillerpromenade eine neue Staffel gedreht, die ab Januar zu sehen ist. Nebenbei will das Duo seinem Privatdetektiv multimedial zum Durchbruch verhelfen. So entstand die Idee zum Comic – neben Ideen für ein Bühnenstück, einen Roman und eine Fernsehserie.

Borscht hat Kai Pfeiffer den Zugang zu einer fremden Welt eröffnet. Wenn er sein Atelier in Prenzlauer Berg für seine Recherchetouren verlässt, kommt ihm das vor wie ein Ausflug in eine andere Stadt, erzählt er beim Spaziergang Richtung Hermannplatz. Der tapsige Schlapphut-Träger ist für Pfeiffer ein Katalysator, um etwas zu erzählen, das es bislang in der Berlin-Literatur nur spärlich gibt: Unterhaltsame Neuköllner Alltagsgeschichten. Während er die Hermannstraße entlangschlendert, hält er hin und wieder eine Fassade oder ein paar Passanten mit seiner Kamera fest. So ähnlich hat auch die Arbeit an den früheren Werken von Pfeiffer ausgesehen: Die Comic-Reportagen, die er gemeinsam mit seiner Künstlergruppe Monogatari veröffentlicht hat, die Flaneur-Geschichten, die er mit Zeichnerkollege Tim Dinter täglich auf den inzwischen eingestellten Berliner Seiten der „Frankfurter Allgemeinen“ veröffentlichte und der grafische Roman „Alte Frauen“ von Dinter und Pfeiffer.

An Neukölln fasziniert den Zeichner, dass man dort, mehr als in den In-Bezirken der Stadt, „im Unschönen das Schöne entdecken kann“. Die Kneipe „Blauer Affe“ am Hermannplatz zum Beispiel, in der Pfeiffer nach seinem Spaziergang eine Kaffeepause einlegt. „An Orten wie diesem läuft bei mir die innere Kamera ständig mit“, sagt er, grinst und schaut sich unauffällig in der verräucherten Bierstube um. Was er hier sieht, findet sich in seinen Geschichten wieder: Knautschgesichter, die sich am Nebentisch in betrunkene Endlosdialoge verstricken, Frührentner, die schon mittags das zehnte Glas Schultheiss ordern, ein Mann, der lautstark von irgendeinem Prominenten erzählt, der neulich bei „Wetten dass“ war und von dem er schwören könnte, der habe Aids…

Während Kai Pfeiffer Impressionen speichert, erzählt er vom „ethnologischen Ansatz“ seiner Recherche, vom Neuköllner Kiez als Gesamtkunstwerk und und davon, wie er das Gesehene, frei nach Joseph Beuys, als „soziale Plastik“ wahrnimmt. Als dann aus der Musicbox des Blauen Affen auch noch Grönemeyers „Männer“ dröhnt, lacht Kai Pfeiffer auf. „Unglaublich. Das alles könnte man so in keiner Geschichte wiedergeben. Das würde jeder für viel zu klischeehaft halten.“

Ganz verzichtet auch der Borscht-Comic nicht auf die Klischees über den Problemkiez am Rande der Metropole. Aber Pfeiffer reproduziert diese Klischees nicht nur, er spielt mit ihnen und spottet mit einer Mischung aus Faszination und Zuneigung über „das herzliche einnehmende Wesen der Neuköllner“. Er zeigt Sympathie für seine Figuren, ohne sie kiezromantisch zu verklären. Zusätzliche Inspiration holt er sich aus den Berlin-Krimis von Walter Serner aus den Zwanzigerjahren sowie von den kunstvollen Schwarz-Weiß-Krimis des argentinischen Comicduos Muñoz und Sampayo. Der Blaue Affe taucht übrigens gleich in der ersten Folge von Pfeiffers Serie als Tatort eines Verbrechens auf. Was Borscht dort widerfährt, lesen Sie ab morgen im Tagesspiegel.

Die Comic-Serie Borscht erscheint ab Montag täglich auf den Berlin-Seiten des Tagesspiegel. Borscht im Internet gibt es unter www.borscht.tv sowie beim Tagesspiegel-Partner meinberlin.de unter: www.meinberlin.de/borscht

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben