Berlin : Der Dämon im Biedermann

E.T.A. Hoffmann ermittelt: ein Krimi um Berliner Barone, Satansmessenund einen dichtenden Juristen

Claudia Keller

Die Fischerinsel war schon vor 200 Jahren keine Flaniermeile. Kammergerichtsrat Hoffmann hatte das Gefühl, er sei in die engste und finsterste Gasse Berlins geraten, als er sich 1814 an den Häuserwänden entlang von der Stralauer Straße hinab zur Spree tastete. Der Geruch von Fäulnis stieg ihm in die Nase, seine Füße tasteten über schmierigen Grund. Es kann keinen besseren Ort in Berlin geben, um überfallen zu werden, dachte er sich, sein Herz schlug schneller. Das aber ist für Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, kurz E.T.A. Hoffmann, eigentlich ein erfreulicher Zustand, schließlich ist er zu Beginn des Krimis „Tagebuch des Teufels“ gerade dabei, sich zu Tode zu langweilen. Als frisch gekürter Kammergerichtsrat sitzt er in einer staubigen Dachkammer, vor sich einen Berg Akten. Der fiktive E.T.A. Hoffmann lebt wie sein historisches Vorbild, der Dichter gleichen Namens, ein Doppelleben: Tagsüber mimt er den braven Juristen, nachts lässt er sich treiben, dichtet, komponiert und inspiziert die Berliner Gaststuben.

Mit der Gondel, die ihn von der Fischerinsel abholt, gerät Hoffmann mitten in eine Kriminalgeschichte, die viel spannender ist als der Roman „Elixiere des Teufels“, an dem er gerade schreibt. Es ist der zweite Mordfall, den Hoffmann zu klären hat. In „Die schwarze Muse“ hatte Krimi-Autor Dieter Hirschberg seinen E.T.A. Hoffmann vor zwei Jahren nach Ostpreußen geschickt. Diesmal bleibt er in Berlin. Hier wird eine angesehene Baronin verdächtigt, ihren Ehemann umgebracht zu haben. Der Gatte hat womöglich ein Landgut überfallen und alle Bewohner bestialisch ermordet. Hoffmann stolpert in Satansmessen, die kein Klischee von orgiastischen Ausschweifungen auslassen. Er muss Schnäpse trinken und verfällt in Zustände, als wäre er auf einem LSD-Trip. Irgendwann begegnet er auch noch dem Teufel persönlich.

Abgesehen von schwarzen Messen und allzu banalen Psychologisierungen könnte sich vieles tatsächlich so zugetragen haben, wie Dieter Hirschberg fabuliert. Der ermittelnde E.T.A. Hoffmann teilt mit seinem spätromantischen Alter Ego die Leidenschaft für Dämonisches, und für die Schilderung von Mord, Inzucht und Folter.

Wie der historische E.T.A. Hoffmann deutet auch Hirschberg Verbrechen und Wahnsinn als die finstere Seite der rigiden bürgerlichen Moral. Hoffmann, der Dichter, der Baudelaire, Gogol und Poe beeinflusst hat, tut dies allerdings sehr subtil. Hirschberg dagegen winkt bisweilen aufdringlich mit dem Zaunpfahl. Alles in allem hat er aus den dämonischen Zutaten und historischen Umständen aber einen gut lesbaren, spannenden Krimi mit überraschenden Wendungen geformt. Ein weiterer Pluspunkt: Sprachlich nähert er sich der damaligen Zeit an, ohne mit maniriert gedrechselten Sätzen zu nerven.

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Nimmt man bei der Lektüre den Stadtplan hinzu, entdeckt man, wie klein Berlin einmal war. Nach Charlottenburg aufs Land hinaus zu fahren, bereitete Mühe. Das machte man nicht einfach mal so. Der Berliner lebte wohl schon immer am liebsten im Kiez – und ließ sich von der wunderlichen weiten Welt erzählen.

Dieter Hirschberg: Tagebuch des Teufels. E.T.A. Hoffmann ermittelt weiter. Historischer Krimi. Berlin.krimi.verlag, Berlin, 2005, 320 Seiten. 12 Euro.

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