Berlin : Der denkwürdige Besuch eines US-Vizepräsidenten

Andreas Austilat

Geschichte kann sehr ungerecht sein. So ist zwar Kennedys Besuch 1963 heute Legende und an die Worte "Isch bin ein Börlinna" wird man sich wohl noch im nächsten Jahrtausend erinnern. Der Besuch seines Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson im August 1961 dagegen ist vergessen. Dabei fand der unter ungleich dramatischeren Umständen statt. Und denkwürdig war er auch. Wir erinnern uns: Die Mauer war gerade vor einer Woche gebaut worden, und auf der Transitstrecke näherte sich ein amerikanischer Kampfverband der Stadt, als Johnson in Tempelhof eintraf.

Man kennt solche Szenen. Der Staatsgast und sein Gegenüber schütteln sich die Hände und sagen ein paar Nettigkeiten für die Kamera. "How are You" oder "Nice to meet You" oder vielleicht was Historisches wie: "Die Würfel sind gefallen" oder - siehe oben - "Isch bin ein Börlinna". Johnson sagt: "Was ist das für ein Auto", als er die schwarze Limousine sieht. Sein Ärger ist verständlich, denn Zehntausende West-Berliner säumen Fähnchen schwenkend und nach einer Woche Mauerbau dankbar für jede tröstende Geste die Straßen. Und nun will man ihn im Fonds einer Limousine verstecken. Womöglich noch hinter Gardinen. Johnson will ein Cabrio und die Parade stehend abnehmen. Er kriegt aber keines. Da befiehlt Johnson dem US-Botschafter Dowling, sich hinten im Wagen auf den Boden zu legen.

Bob Lochner, damals als Dolmetscher in Johnsons Begleitung, erinnert sich noch gut an die Fahrt: Dowling habe den Vizepräsidenten an den Beinen festhalten müssen, damit der sich weit genug aus dem Fenster lehnen kann. "Die Sache war uns ziemlich peinlich." Fast so peinlich wie der anschließende Dialog zwischen Johnson und dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt. Johnson will noch rasch ein paar Souvenirs in der KPM besorgen. Bedaure, antwortet Brandt, die sei sonntags leider geschlossen. Worauf Johnson erneut ziemlich ärgerlich wird. "Was sind Sie für ein Bürgermeister, wenn Sie nicht einmal einen Porzellanladen aufschließen können!" soll er gesagt haben. Er bekommt sein Service.

Das Ende ist versöhnlich. Als das Polizeiorchester auf dem Flughafen "Das ist die Berliner Luft-Luft-Luft" spielt, fragt Johnson, was das denn sei. "Eine Art Berliner Hymne", antwortet Lochner. Worauf der Vizepräsident stehen bleibt, die Hand aufs Herz legt und der Berliner Luft seinen Respekt erweist, wie es sich für eine Nationalhymne geziemt.

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