Berlin : Der Direktor und das liebe Vieh

Seit 1991 leitet Bernhard Blaszkiewitz den Tierpark. Jetzt hat er ein aufregendes Jubiläumsjahr vor sich

Ingo Wolff

Es liegt Schnee bei den Kamelen. Nicht viel, aber mehr als ein Kamel in einem gewöhnlichen Leben in der Wüste sehen würde. Doch was ist schon gewöhnlich im Tierpark Friedrichsfelde. Das Leben eines Kamels sicher nicht, es fehlt ja die Wüste. Und das Leben des Zoodirektors noch weniger. Bernhard Blaszkiewitz hat 14 aufregende Jahre zwischen Alfred-Brehm-Haus, Lamawiesen und Bärenanlage hinter sich – und ein aufregendes Jahr vor sich: Der Tierpark wird 50.

In eineinhalb Wochen gehen die Jubiläumsfeiern richtig los (siehe Kasten), dann ist Frühlingsanfang und eine Woche darauf Ostern, das ist traditionell die Zeit, in der Besucher in den Park strömen. Noch ist der allerdings an Wochentagen weitgehend menschenleer, man sieht nur Tierpfleger auf ihren Fahrrädern und vereinzelte Seniorenpaare. Mitunter ist es so still, dass das Schaben der Stachelschweine meterweit zu hören. Was soll man auch sonst tun, wenn es kalt ist. Kuscheln? Das funktioniert nämlich auch bei den Stachelschweinen. Zwei von ihnen hocken so dicht aneinander gedrängt in einer Felsenecke, dass es schon fast gemütlich wirkt.

Die meisten Tiere warten noch in ihren Häusern auf die Frühlingssonne. Manche wissen diesen Luxus allerdings nicht zu schätzen. „Die büxen schon mal aus“, sagt Blaszkiewitz. Er und seine Pfleger haben schon früher immer mal wieder gesagt, dass sie mit Fluchtgeschichten Bücher füllen könnten, zum Jubiläum haben sie das nun getan. „Tierpark Berlin. Die schönsten Geschichten“, heißt das Buch, das heute im Tierpark vorgestellt wird. Darin finden sich etwa die Geschichte vom Wolf, der es sich in einer Kita gemütlich machte, oder die von dem Gnu, das die Stasi in Großalarm versetzte. Mit dem Autor Werner Synakiewicz, früher Reporter der „Berliner Morgenpost“, erinnern sich die Mitarbeiter an ein halbes Jahrhundert Tierparkgeschichte. Blaszkiewitz hat das Vorwort geschrieben, in dem er ausgiebig das Wirken seines legendären Vorgängers Heinrich Dathe würdigt, der in den älteren Geschichten regelmäßig auftaucht.

Blaszkiewitz selbst spricht am liebsten von den Zuchterfolgen, von denen es auch in diesem Jahr welche geben wird. Vier Elefantenbabys sollen im Jubiläumsjahr auf die Welt kommen – wenn alles gutgeht. Das Erste hat es schon geschafft. Am Valentinstag, dem 14. Februar, hat ein kleiner Elefantenbulle den ersten Schritt auf die Welt gemacht. Für den Zoodirektor noch immer eines der herausragenden Ereignisse in seinem Tierpark. „Eines der schönsten Erlebnisse in meinen 14 Jahren hier war die erste Lebendgeburt eines Elefanten am 15. Januar 1999“, erzählt Blaszkiewitz. Auf die drei, die in diesem Jahr noch folgen sollen, freut er sich schon. „Das wäre Zoo-Rekord“. Auch bei den Giraffen soll es in diesem Jahr Nachwuchs geben.

Was den Direktor sonst umtreibt, ist technischer Art: Es wird viel gebaut im Tierpark, der Förderverein spendiert einen Lemurenwald und eine Überwinterungsanlage für Schildkröten. Richtige Abwechslung vom tierischen Treiben sind solche Bauten aber nicht, sie sind vielmehr ähnlich unberechenbar. Blaszkiewitz erinnert sich an die Seekuh-Anlage. Als das Bassin mit der Glaswand voll Wasser war, begann das Zittern, ob die Konstruktion halten würde – da waren die Tiere noch gar nicht drin. Drei Seekühe wurden per Gabelstapler ins Wasser gesetzt. Und die Konstruktion hielt stand. Mehr Probleme gab es da schon mit dem Elektrozaun, der um den neuen Felsen für die Makakenaffen gezogen wurde – es bekam nur ein Mitarbeiter, der den Zaun testete, einen Schlag, die Affen turnten darüber hinweg und bekamen von der elektrischen Ladung nichts mit.

Bei solchen Abenteuern in unmittelbarer Nachbarschaft wundert man sich nicht mehr, dass die Kamele in ihrem Gehege den Schnee so stoisch ertragen. Vielleicht haben sie von den anderen Geschichten aus dem Tierpark gehört.

Werner Synakiewicz: Tierpark Berlin, Die schönsten Geschichten. Berlin Edition im Bebra Verlag, Berlin 2005, 127 S., 9,80 €.

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