Berlin : Der Doktor verlässt das liebe Vieh

28.09.2002 00:00 UhrVon NAME

Drei Jahrzehnte lang arbeitete Dietmar Jarofke als Tierarzt im Zoo, lebte sogar im Flusspferd-Haus. Heute nimmt er seinen Abschied

Wenn im Zoo ein Affe niest oder ein Löwe Zahnschmerzen hat, war das drei Jahrzehnte lang ein Fall für Dietmar Jarofke. 25 Dienstjahre hat der Tierarzt im Flusspferdhaus gewohnt. Im Sommer, wenn seine „Mitbewohner“ im Freigehege waren, hat er im – gereinigten – Innenbecken seinen beiden Kindern das Schwimmen beigebracht. Erst vor fünf Jahren zog er in ein Gebäude am Wirtschaftshof. Und nun werden sich Flusspferde, Affen, Löwen und einige andere seiner langjährigen Nachbarn wundern: Denn mit dem heutigen Tage geht der Zoo-Tierarzt in Pension.

Vielleicht freuen sich die Affen aber auch. Allzu dankbar sind sie nämlich nicht. „Einer von denen rennt seit Jahren vor mir weg – selbst, wenn ich nur mit Führungen durchs Haus gehe“, sagt Jarofke.

Der Affe muss eine Narkose in schlechter Erinnerung behalten haben – was Jarofke ein bisschen persönlich nimmt, immerhin hat er ihm damals in einer dreistündigen Operation eine Rückenwunde geflickt. „Es macht keinen Spaß, wenn Tiere vor einem weglaufen.“ Mit Lamas und Kamelen hat er solchen Ärger nicht. Die vergessen ihn einfach, sobald sie wieder gesund sind.

Im Durchschnitt musste Jarofke am Tag fünf Patienten behandeln. Sie litten an Durchfall, Abszessen, Erkältungen, Parasiten – die größeren Tiere jedenfalls. Am einfachsten ist die Therapie bei Fischen: Denen wird das Gegenmittel einfach ins Wasser gegeben. Die anderen Tiere müssen meist betäubt werden – Jarofke war vor allem Anästhesist.

Doch einen Löwen zu betäuben, das sei „die einfachste Sache der Welt“, sagt er. Bei Giraffen wird die Sache schon schwieriger, weil die sich beim Umfallen das Genick brechen können. Und die Dosierung sollte auch stimmen, damit Vorfälle wie der vor 15 Jahren vermieden werden: Jarofke fuhr mit dem Minibus von der Tierklinik Düppel zurück zum Zoo, im Fond saßen schweigend „Knorke“, der Zweieinhalb-Zentner-Gorilla, und „Affen-Walter“, der etwas leichtere Tierpfleger. „Plötzlich sehe ich im Rückspiegel Affen-Walter kopfüber mit dem Affen ringen“, erzählt Jarofke: Knorke war vorzeitig aus der Narkose erwacht, und Affen-Walter hatte sich auf ihn geworfen, damit er in seiner Angst nicht um sich schlägt. Blitzschnell zückte Jarofke die Betäubungsspritze; den Rest der Fahrt schlief Knorke friedlich durch.

Das Verhältnis zwischen Arzt und Affen ist also ein eher kühles, die Psyche der Reptilien durchschaut Jarofke bis heute nicht ganz, aber an den Elefanten hängt er sehr. „Sie sind in der Entwicklungsgeschichte einmalig und haben mich schon als Kind fasziniert.“ Er wird sie künftig seltener sehen, denn Ende Oktober zieht er aus dem Zoo aus. Aber er wird oft wiederkommen, um Führungen zu leiten. Und um den Affen seinen Nachfolger vorzustellen. Stefan Jacobs

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