• Der "Donnerstagskreis" hat sich überlebt, die "Vereinigten Linken" wollen sich neu formieren

Berlin : Der "Donnerstagskreis" hat sich überlebt, die "Vereinigten Linken" wollen sich neu formieren

Brigitte Grunert

Der Donnerstagskreis der SPD-Linken ist tot, aber die Vereinigte Linke will leben. Um die Neuorganisation bemühen sich Altvordere und Nachwuchstalente, die in Scharen dem Donnerstagskreis davonliefen. Walter Momper ist der Prominenteste im Vorbereitungskomitée. "Aber es ist kein Momper-Trupp", so Andreas Matthae aus Kreuzberg. Damit will er sagen, dass Personalien zweitrangig sind, dass es um Strategie und Programmatik geht. Andererseits: "Wir wollen wieder die Machtfrage in der SPD stellen."

Bei den ersten vier Treffen seit März ist aber nicht viel passiert. "Wir sind noch wakkelig auf den Beinen. Wenn sich bei uns nur Verprellte sammeln, wird es nichts", sagt Kerstin Raschke aus Marzahn. Merkwürdig: Parteichef Strieder redet über die Notwendigkeit eines neuen Programms, die neue Linke will die inhaltliche Plattform zimmern. Was heißt heute links? "Die alten Rechts-Links-Schnitte funktionieren nicht mehr", sagte der Parlamentsvizepräsident, gewesene Spitzenkandidat und Ex-Regierende Momper. Höchstens rudimentär. Auch die neu sich formierende Linke ist etwas westlastig, zum Britzer Kreis der Rechten um Senator Klaus Böger fühlen sich jedenfalls mehr Ost-Genossen hingezogen.

Wie findet man neue Antworten auf neue Fragen der sozialen Gerechtigkeit und Chancengleichheit? Momper fühlt sich als Linker, obwohl er konsequent den Spar-, Privatisierungs- und Modernisierungskurs vertritt, denn: "Staatsverschuldung ist das Unsozialste." Das eint Momper eher mit Böger, aber persönlich stehen sie sich ferne. Was die neue Linke trotz ihrer großen Bandbreite eint, ist die Lust, die Grundwerte der Partei neu zu buchstabieren. Dafür geben die "Britzer" keine Impulse. Sie begnügen sich mit einer rein praktischen Rolle. Zusammen mit der pragmatischen Linken sorgen sie für die Parteitagsmehrheiten, und die Truppenzähler irrten sich in den letzten zehn Jahren nie. Auch daran war die Spaltung der Linken erkennbar.

"Der zunehmende Dogmatismus hat den Donnerstagskreis kaputt gemacht", urteilt Momper. "Er verengt sich auf Außenseiter", weiß auch Parteivize Klaus Uwe Benneter. Er dankte deshalb neulich als Sprecher ab, die Strieder-Ehefrau Monika Buttgereit tat es schon vor zwei Jahren. Der legendäre Donnerstagskreis, Ende der sechziger Jahre vom damaligen Cheflinken Harry Ristock begründet, war einmal die Schule des Parteinachwuchses. Parteichef Peter Strieder, seine Vorgänger Momper, Ditmar Staffelt und Detlef Dzembritzki, Ex-Senatorin Ingrid Stahmer und andere prominente Sozialdemokraten gingen aus ihm hervor. Seit den Veränderungen nach der Einheit und Ristocks Tod ging es bergab. Nun hält der Altvordere Hans-Georg Lorenz aus Spandau, der sich einmal zur Rechten zählte, das Fähnchen der schlichten Neinsager zur Koalitionspolitik hoch.

Ohne Links- und Rechts-Freundeskreise jenseits der satzungsmäßigen Parteigremien ging es noch nie in der SPD. Zwei halten sich deutlich zurück: Parteichef Strieder und Fraktionschef Klaus Wowereit wollen im Sinne ihrer Funktionen über den Flügeln schweben, sind aber pragmatische Linke. Strieders Wiederwahl im Juli steht nichts im Wege, weil sich kein anderer findet, und Wowereit redet ohnehin qua Amt auch in der Parteispitze mit. Ob von der neuen Parteispitze so etwas wie Führungskraft und Machtinstinkt ausgehen wird, bleibt eine spannende Frage. Bisher ist dies bei aller Suche nach neuen Antworten auf neue Fragen nicht recht spürbar. Den Junggenossen, die sich Flügel übergreifend im "Netzwerk 21" sammeln, um ihre Leute in Funktionen zu bringen, ist der Mangel bewusst. Wenn Matthae laut über eine Langfriststrategie nachdenkt, merkt man, dass er gern Parteivize werden will - in einer Reihe mit der schon nominierten Ex-Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing. Dem Ex-Vorsitzenden Walter Momper reicht eine Rolle als Beisitzer im Landesvorstand.

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