Berlin : Der doppelte Heine

Heute vor 150 Jahren starb der Dichter In Berlin gibt es gleich zwei identische Denkmale

Helmut Caspar

Im Volkspark am Weinberg in Mitte steht auf einer kleinen Anhöhe das Denkmal des Dichters Heinrich Heine, der in Berlin studiert und der Stadt in seinen „Briefen aus Berlin“ ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Das 1955 von Waldemar Grzimek geschaffene Bronzemonument zeigt den jungen Mann in bequemer Kleidung mit offenem Hemdkragen. Er sitzt auf einem Stuhl ohne Lehne, als deklariere er gerade ein Gedicht. Das Gesicht ist offen, die Augen schauen ein wenig belustigt in die Runde. Seine Beine hat der Dichter, dessen 150. Todestag am 17. Februar festlich begangen wird, weit von sich gestreckt.

Der Bildhauer war sich bewusst, dass seine Figur keine „behäbig dasitzende Gestalt“ sein konnte. „Wenn ich einen freiheitlichen, temperamentvollen Streiter, der doch Eleganz und Lebensgenuss bejahte, wiedergeben wollte, so konnte ich ihm keinen Frack anziehen, und seine monumental ausladenden Gebärden mussten Merkmale des feminin Empfindsamen an sich haben“, schrieb Grzimek.

Mit dieser Konzeption kam der Bildhauer allerdings bei den DDR-Oberen nicht gut an. Ihm wurde vorgehalten, „sein“ Heine sei viel zu feingliedrig und zu intellektuell dargestellt, keineswegs als großer Sänger und Streiter des deutschen Vormärz, und auch nicht als kraftvoller Freund von Marx und Engels, sondern als Dichter eher unverbindlicher Liebeslieder. Weil das Denkmal den Erwartungen der Führung nicht entsprach, die einen kämpferischen, ja, revolutionären Gestus erwartet hatte, wurde es kurzerhand im Februar 1958 von der Straße Unter den Linden, wo es eigentlich hingehörte, auf seinen jetzigen Standort abgeschoben. Dies kam einer Verbannung gleich.

Nach der Wiedervereinigung gab es Bestrebungen, das Denkmal zum Ursprungsort ins Kastanienwäldchen neben Schinkels Neuer Wache Unter den Linden zurückzuführen. Der damalige Direktor des Deutschen Historischen Museums, Christoph Stölzl, sah darin eine Wiedergutmachung zunächst für den Dichter, der preußische Zustände vielfach gegeißelt hat und in Berlin nicht immer freundlich behandelt wurde, aber auch für den Bildhauer, der unter der Verbannung seines Denkmals gelitten habe. Da sich das Heine-Denkmal auf seinem jetzigen Platz in Mitte gut macht, und der Standort auch schon ein Stück Geschichte ist, veranlasste der Berliner Geschäftsmann und Mäzen Peter Dussmann einen Zweitguss, der am 13. Dezember 2002 zu Heines 205. Geburtstag im Kastanienwäldchen neben der Neuen Wache aufgestellt wurde.

Der Ort ist gut gewählt und erinnert daran, dass Heine als Student an der Berliner Universität das Treiben auf Berlins Prachtstraße Nummer 1 präzise und humorvoll in Worte gekleidet hat. So kann man zweimal in Berlin nicht nur den jungen Heine bewundern, sondern auch den niedrigen Sockel mit dem Relief, das Lebensstationen des Poeten und Zeitkritikers sowie Szenen aus seinem dichterischen Werk schildert, dazu auch Episoden aus der Revolution von 1848/9.

Eine Inschrift an der Vorderseite des Denkmals zitiert Heine: „Wir ergreifen keine Idee, sondern die Idee ergreift uns und knechtet uns und peitscht uns in die Arena hinein, dass wir wie gezwungene Gladiatoren für sie kämpfen.“

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