Berlin : Der doppelte Vater

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VON TAG ZU TAG

Andreas Conrad über

die Berliner im Himmel

Wie es dem typischen Münchner im Himmel wohl ergeht, hat sich Ludwig Thoma am Beispiel des Dienstmannes Alois Hingerl ausgemalt: den lieben langen Vormittag frohlocken, nachmittags Hosianna singen, statt einer richtigen Moaß nur Manna – kein Wunder, dass Engel Aloisius ergrimmt und den lieben Gott – „Z’trinka kriegat ma gar nix!“ – herunterputzt. Eine Berliner Version dieser Himmelfahrt steht leider noch aus, möglich immerhin, dass der gestrige Vatertag, als Berlin endlich auch die Hauptstadt der Frommen wurde, die hiesigen Heimatdichter zur Feder greifen lässt. Ja, es war Vatertag, ganz profan und daher mit vielen geistigen Getränken, aber das konnte man in Berlin angesichts der stadtbildprägenden Kraft des göttlichen Vaters und der Schar seiner Anhänger fast vergessen. Am Rande der Stadt freilich verschob sich das Bild, rückte ins Gewohnte, wurde der Durst größer, der Gang schwankender, der Gesang weniger gottgefällig, je weiter man sich vom ökumenischen Zentrum entfernte. Alois hätte sich wohl gefühlt, aber der sitzt ja noch immer im Hofbräuhaus.

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