Berlin : Der Drang ins Freie

Berliner Ausflugslokale haben eine lange Tradition. Zu Ostern sind viele historische Schänken geöffnet

Frieder Bechtel

Kaum steigen die Temperaturen, zieht es die Berliner auf Terrassen, in Biergärten und ins grüne Umland. Diese Tradition kommentierten einige Berliner Zeitungen bereits um die Jahrhundertwende etwas bösartig: „Der Berliner ist anspruchslos in manchen Dingen, (...) wenn er nur an einem Ort sitzt, wo es stark zieht, sagt er schon: Wie wohl ist einem im Freien!“ Ganz so streng kann man das wohl nicht sehen, aber zum Osterwochenende rechnen die Ausflugslokale bei richtiger Witterung mit den ersten Besucherwellen.

Für die „Alte Waldschänke“ in Tegel wird es im doppelten Sinne ein geschichtsträchtiges Wochenende. 15 Jahre stand die Ausflugsgaststätte leer. Die ehemalige Kutscherkneipe hatte Anfang des 20. Jahrhunderts ihren Betrieb als Ausflugslokal aufgenommen. Jetzt werden dort Berliner und polnische Spezialitäten serviert, bei schönem Wetter auch auf der Terrasse. Das gemütliche Fachwerkhaus, das weniger als einen Kilometer vom Tegeler See entfernt liegt, wurde im 18. Jahrhundert erbaut. 1990 musste das stark renovierungsbedürftige Haus schließen, nachdem ein betrunkener Autofahrer gegen den Bau gefahren war. Zwischen 1996 und 1997 wurde die denkmalgeschützte „Waldschänke“ renoviert. Danach verzögerten Unstimmigkeiten zwischen Betreibern und Ämtern die Wiederaufnahme des Betriebs. Der hat seit vergangenem Sonnabend offiziell wieder begonnen.

Auch am Wannsee warten traditionsreiche Lokale auf gutes Wetter und hungrige Besucher: In der „Moorlake“ kann der Besucher die Perfektion des Landschaftsarchitekten Lenné bewundern. Dieser beauftragte um 1840 im Rahmen der Gestaltung des Glienicker Parks den Schinkel-Schüler Ludwig Persius mit der Errichtung eines Forsthauses, das jetzt das Wirtshaus beherbergt. Dem Bauherrn König Friedrich Wilhelm IV. ist die oberbayerische Ausführung des Hauses geschuldet. Er wollte seiner Frau, Prinzessin Elisabeth von Bayern, eine Erinnerung an ihre Heimat bauen.

Ganz in der Nähe und ähnlich urig liegt das „Blockhaus Nikolskoe“. König Friedrich Wilhelm III. schenkte seiner Tochter 1819 das Haus an der Havel. Grundlage für die Gastwirtschaft war ein illegaler Ausschank russischer Kutscher, der schon vor dem Bau florierte. 1984 brannte das Gasthaus ab, wurde aber originalgetreu nachgebaut. Ein Besuch in Nikolskoe lässt sich bestens mit der Besichtigung der 1834 erbauten St.-Peter-und-Pauls-Kirche verbinden, deren Markenzeichen die beiden vergoldeten Zwiebeltürmchen sind.

An einem der östlichsten Punkte Berlins liegt das „Neu Helgoland“. 1897 wurde das Ausflugslokal am südlichen Ufer der Müggelspree gegenüber von Rahnsdorf eröffnet und war anfangs nur per Boot zu erreichen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Restaurant um ein Hotel erweitert und unter dem Namen „Paradies des Ostens“ in ganz Berlin bekannt. 2002 brannte das Restaurant bis auf die Grundmauern ab, wurde aber in Anlehnung an das ursprüngliche Gebäude wieder aufgebaut.

Gerade im Bezirk Treptow-Köpenick gibt es viele alte Lokale, die seit Jahren geschlossen sind. Wegen wirtschaftlicher Probleme oder strittiger Eigentumsverhältnisse stehen der „Schmetterlingshorst“ am nördlichen oder die „Riviera“ am südlichen Ufer des Langen Sees leer. Trotzdem: Zu einem Osterspaziergang oder einer ausgedehnten Wanderung lädt die Landschaft dort allemal ein.

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