Berlin : Der Drang nach Freiheit

Häftling Hassan C. entwischte durchs Fenster. Jetzt steht er wieder vor Gericht

Kerstin Gehrke

Hassan C. hielt nicht lange durch, wieder einmal. Nach zweistündiger Verhandlung meldete sich der Angeklagte und bat um eine kurze Toilettenpause. Genauso hatte es sich auch vor neun Wochen abgespielt. Damals durfte der Häftling noch die Besuchertoilette besuchen und er nutzte seine Chance: Hassan C. sprang aus dem Fenster und entwischte.

Beim zweiten Prozessanlauf aber gab es keinen Spielraum für „Alleingänge“. Der 28-jährige C. sitzt seit gestern im Sicherheitssaal B 129 des Moabiter Kriminalgerichts – auf einer Anklagebank hinter Panzerglas. Als er dieses Mal zur Toilette wollte, sprangen gleich vier Wachtmeister auf. Hassan C., ein junger Mann mit etlichen Vorstrafen aus einer libanesischen Großfamilie, ging es gelassen an. Kaugummi kauend lehnte er sich zurück und zwinkerte einigen Bekannten unter den Zuhörern zu. Ganz spontan habe er sich zu dem Sprung aus dem Fenster entschlossen, erzählte er. „Woher sollte ich denn wissen, dass die mich in diese Toilette führen würden?“

Ein Wachtmeister hatte den Angeklagten damals zu einer Besucher-Toilette auf dem Flur und nicht – wie vorgeschrieben – auf das vergitterte WC in der Vorführzelle geführt. Auch nach seinem Sprung stand ihm nichts im Wege. „Ich bin dann über ein Gitter und raus auf die Straße“, beschrieb C. seinen Fluchtweg. Er nahm sich ein Taxi und fuhr erst einmal nach Hause. Ein schlechtes Gewissen quälte C. nicht: „Ich bin unschuldig im Knast.“ Deshalb habe er „dem Drang zur Freiheit“ nachgegeben. „Ich war dann die ganze Zeit in Neukölln.“ Während die Justizsenatorin Karin Schubert schwere Kritik einstecken musste, wurde intensiv nach C. gesucht. Zielfahnder nahmen ihn schließlich am 11. September fest.

Im Prozess muss er sich gemeinsam mit einem 27-Jährigen für einen versuchten Einbruch in einen Getränkemarkt verantworten, bei dem C. mit einem Messer bewaffnet gewesen sein soll. Beide Angeklagten schweigen. Egal, wie die Sache ausgeht: C. bleibt voraussichtlich bis März 2007 in Haft. Er verbüßt derzeit eine zweijährige Haftstrafe wegen eines Diebstahls mit Waffen.

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