Berlin : Der Dreh mit dem Happy End

Wie Donata und Wim Wenders missbrauchten Kindern helfen, Erlittenes zu verarbeiten

Elisabeth Binder

In dem verwunschenen alten Bauernhaus im Berner Oberland lebte einst der Maler Balthus. Im vergangenen Sommer trafen dort Extreme aufeinander, und der Filmemacher Wim Wenders und seine Frau, die Fotografin Donata Wenders, waren dabei. Zehn Tage lang haben hier Künstler mit sexuell missbrauchten, teils schwer traumatisierten Kindern in einer sommerlichen Kunstakademie zusammengearbeitet.

Zurück in Berlin berichtet Donata Wenders jetzt von vielen anrührenden Erfahrungen. Initiiert wurde dass Camp von „Innocence in Danger“, einer Organisation, zu deren Gunsten sich heute im Ritz Carlton viele Prominente zu einer großen Gala treffen. Da wird Geld gesammelt zugunsten sexuell missbrauchter Kinder.

„Am Anfang sind wir erst mal alle zusammen wandern gegangen und in einen Bergsee gesprungen“, erzählt Donata Wenders. Dem Schmerz, den die Kinder durchgemacht haben, wollten die Künstler etwas entgegensetzen. Sie sollten „eintauchen können in eine neue, andere Welt, lernen, was in ihnen steckt, spüren, dass sie wichtig sind, erkennen, dass sie etwas Wunderbares auf die Beine stellen können“.

Wie die Kinder das, was sie erlebt haben, wegstecken können, das fragt sich die Fotografin immer noch. Ein Kind war dabei, das von beiden Eltern missbraucht wurde, andere Mädchen und Jungen mussten immer wieder vor Gericht aussagen, weil die Väter den Missbrauch leugneten. So hatten sie keine Chance, das alles hinter sich zu lassen. Mussten erleben, wie der eigene Vater vor Gericht sagt, sein Kind lüge und gehöre ins Irrenhaus. Manchmal stellt „Innocence in Danger“ den Kindern auch Anwälte.

Das Selbstwertgefühl bleibt dabei oft auf der Strecke, missbrauchte Kinder sind oft unfähig, sich selbst realistisch einzuschätzen. Bei der Witwe von Balthus, der Gräfin Setsuko Klossowski de Rola, lernten sie die Kunst der japanischen Kalligrafie. Filmemacher Wim Wenders drehte in dem alten Haus zusammen mit den Kindern, die gleichzeitig Hauptdarsteller waren, einen Film, eine Detektivgeschichte, die in ihren eigenen Träumen spielt. Am Ende des Films wacht eins nach dem anderen auf und sagt: „It’s good to be awake.“

Dreizehn Kinder im Alter zwischen drei und sechzehn Jahren machten mit, auch im Fotokurs, den Donata Wenders zusammen mit einem Kollegen aus Paris gab. Dass die Kinder die liebevolle Hinwendung von Männern erfahren, die wirkliche Vorbilder sind, sei ganz wichtig, sagt sie: „Damit sie ein neues, positives Männerbild entwickeln können.“ Das dient auch der Prävention.

Gerade bei sexuellem Missbrauch gilt, dass aus Opfern später auch Täter werden. Erst wenn ein Kind sich das Unrecht, das an ihm geschehen ist, ganz bewusst macht und dem Vater, der es missbraucht hat, verzeihen kann, ist diese Gefahr gebannt. Über den Missbrauch, die schrecklichen Erlebnisse wird in dem Sommercamp nicht geredet. Positive Gedanken sollen im Vordergrund stehen. Dadurch, dass die Künstler keine Pädagogen sind, begegnen sie den Kindern auf Augenhöhe: „Wir machen wirklich was zusammen.“ Im Fotokurs haben die Kinder ein Journal erstellt, durften sich aussuchen, ob sie lieber Tiere, Pflanzen oder Häuser fotografieren wollten. Donata Wenders hatte alte, analoge Kameras besorgt, sodass sie gemeinsam in der Dunkelkammer die Bilder entwickeln konnten. Auch um den Umgang mit der Dunkelheit ging es. Gemeinsam haben Künstler und Kinder wunderschöne Momente erfahren: „Zum Beispiel wenn in den Entwicklungsschalen auf dem Papier langsam das Bild auftaucht.“ Sie haben auch mal Sport getrieben zusammen, sind ins U2-Konzert gegangen, haben gemeinsam gegessen. „Man kommt sich da vor wie in einer anderen Welt.“ Die Inspiration war beiderseitig.

„Ich habe von den Kinder viel für meine Arbeit gelernt“, sagt Donata Wenders. In ihrem neuen Fotoband „Islands of Silence“ sind Bilder von Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen zu sehen, die einen Moment lang in Stille verharren, in sich hineinhören. Die Ausstellung dazu zeigt sie zuerst in einem Benediktinerkloster im Sauerland. Als sie davon erzählt, hat sich Ehemann Wim schon wieder Richtung Flughafen verabschiedet. Er dreht zurzeit für „Ärzte ohne Grenzen“ einen Dokumentarfilm im Kongo. Mit einigen Kindern stehen die beiden immer noch in Kontakt. Karten werden hin- und hergeschickt, manchmal auch Zeitungsartikel.

Für Donata Wenders ist es eine Frage der Verantwortung, dafür zu sorgen, „dass man Liebe in sich hat, sie wachsen lässt“. Ihr Engagement führt sie auch auf ihren Glauben zurück. „Eigentlich“, sagt sie „geht’s doch sowieso immer darum, Liebe und Freude in die Welt zu streuen.“

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