Berlin : Der Durchbruch nach Mitte

Einst setzte sich Falk Walter über die Mongolei in den Westen ab, jetzt erobert er die Berliner Kulturszene – seine Arena übernimmt das Metropol

Matthias Oloew

Der Vertrag ist millionenschwer. Eine Million Euro zahlt er für das Metropol-Theater, ein Vielfaches will er in die denkmalgerechte Sanierung des Gebäudes stecken. Auf dieser Grundlage hat der Liegenschaftsfonds ihm das Haus zugesprochen. Und doch sitzt Falk Walter, neuer Hausherr der Traditionsbühne an der Friedrichstraße, in Jeans, T-Shirt und Strickjacke im Restaurant „Freischwimmer“ in Kreuzberg. Das Geld für das Projekt leiht ihm die Bank, sein Kapital ist er selbst. Falk Walter hat mit der Arena in Treptow bewiesen, wie man aus einer denkmalgeschützten Halle ein erfolgreiches Kulturzentrum macht, wie man Club-Kultur mit Hochkultur mischt. Er weiß, wie man sich gegen Widerstände durchsetzt. „Es macht mir wahnsinnig Spaß, mich mit Dingen zu beschäftigen, die zunächst unmöglich erscheinen“, sagt Walter über Walter. Reich ist er damit nicht geworden: „Das war nie mein Ziel.“

Sein Beruf? Er stutzt. Und denkt nach. Was ist er eigentlich? Schauspieler hat er gelernt, er tritt auch heute noch auf (zum Beispiel im Juli in der Eigenproduktion „Caveman“), er ist aber auch Kaufmann, Barkeeper, Dachdecker und fegt, wenn es nötig ist, die Halle am Ende eines Konzerts aus. 38 Jahre ist er alt, Vater einer achtjährigen Tochter und sprudelt über vor Ideen und Engagement. Das hat ihm schon oft weitergeholfen. Zum Beispiel 1995, als die Bank plötzlich auf die Idee kam, den Kredit zur Sanierung der Arena zurückzuziehen, weil sie nicht mehr an das Projekt glaubte. Walter gelang es, die Banker zu überzeugen, er redete über seine Pläne, darüber, wie einmalig diese Halle an der Grenze zwischen Treptow und Kreuzberg ist, und schaffte es, dass die Bank die 18 Millionen Mark komplett auszahlte.

Falk Walter hat mit der Arena viele Schlachten geschlagen. Zum Beispiel, als er die Halle nach ein paar Jahren wieder zurückgeben sollte. Oder als ihm das Velodrom verbieten lassen wollte, die Halle weiterhin „Arena“ zu nennen. Es ist allerdings nicht das erste Mal gewesen, dass er Mut bewiesen hat. Das ging schon mit 19 los. Da entschied er sich, die DDR zu verlassen.

In Cottbus aufgewachsen – der Vater Offizier, die Mutter Lehrerin – stellte er einen Ausreiseantrag. Der wurde abgelehnt. 1985 kam er über Umwege an ein Visum für die Mongolei, damals ein sozialistischer Bruderstaat, und reiste über Polen, die Sowjetunion nach Ulan Bator. Er durchquerte mit Nomaden die Wüste Gobi, gelangte über die Grenze nach China und sprach schließlich in der Botschaft der Bundesrepublik in Peking vor. Seine Geschichte hat ihm zunächst niemand abgenommen. Aber nach einigen Tagen hatte er einen bundesdeutschen Pass in der Hand und konnte ausreisen – über Frankfurt (Main) nach Berlin (West).

Er jobbte in Kneipen, fing das Schauspielern an (zum Beispiel auf der Off-Bühne „Zerbrochene Fenster“), spielte in Stuttgart und Bremen und träumte mit Freunden davon, in Berlin eine eigene Bühne aufzumachen. Nach der Wende kletterte er über Zäune auf der Suche nach einem geeigneten Gebäude und fand die heutige Arena. Eine riesige Halle am Spreeufer, 1927 als größte frei tragende Halle Europas gebaut. Er erkannte gleich das Potenzial.

Die alten Busse, die noch in der Halle standen, hat er verschenkt, tat sich mit vier anderen zusammen, um die Arena zum Kultur- Ort zu machen. Morgens schleppten sie Dachpappen, damit es nicht mehr überall durchregnete, abends verkauften sie Eintrittskarten und nachts spülten sie Gläser. „Wir haben zusammen gewohnt und zusammen gekocht, damit wir überhaupt etwas zu essen hatten“, sagt er. Walter war klar, dass die Arena nur Erfolg hat, wenn der Betrieb auf mehreren Beinen steht.

Neben Theater gab es Partys, Konzerte und Galas. Mercedes präsentierte seine S- Klasse, im kommenden Dezember wird der Europäische Filmpreis hier verliehen. So ähnlich soll es im Metropol auch werden. Walter gründete zusammen mit drei Partnern die „Admiralspalast GmbH“, die nicht nur zufällig so heißt. „Der Admiralspalast war ein Amüsiertempel“, sagt er, „das soll es auch wieder werden.“ Es wird Theater geben, und damit Platz geschafft für die Eigenproduktionen der Arena, die ohne Subventionen auskommen. Es wird ein Restaurant, einen Club, vielleicht eine zusätzliche kleine Bühne geben, und im Vorderhaus wird das Kabarett „Die Distel“ weitermachen können.

Sein Enthusiasmus ist nicht zu bremsen. Die nötige Kraft, erklärt er, gibt ihm die Tochter: „Sie sorgt dafür, dass ich zur Ruhe komme, indem sie sagt: Geh’ jetzt nicht ans Handy.“ Oder wenn er sie abends ins Bett bringt. „Schläft sie ein, schlafe ich mit.“

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