Berlin : Der eingebildete Terrorist

Die Polizei schlug Alarm und sperrte Straßen – doch der vermeintliche Attentäter wollte nur Asyl

Barbara Junge

Der Brief enthielt fehlerhafte Details. Berlin war da als Anschlagsziel genannt, aber auch die frühere deutsche Hauptstadt Bonn tauchte auf. Von Anfang an kam den Sicherheitsexperten die Sache etwas merkwürdig vor. Dennoch: Vor zehn Tagen wurde das US-Konsulat geschlossen und weiträumig abgesperrt, die Sicherheitsvorkehrungen drastisch erhöht, eine Terrorwarnung herausgegeben. Von einer realen Terrorgefahr konnte jedoch nicht die Rede sein, wie sich jetzt herausgestellt hat. Ein Palästinenser hatte sich selbst bezichtigt – wohl in der verqueren Hoffnung, damit seine Chancen auf Asyl zu erhöhen.

Vermeintliche Terroristen und Trittbrettfahrer halten die Sicherheitsbehörden mehr und mehr in Atem. Innerhalb der Berliner Polizei wird mit Sorge betrachtet, wie solche Fälle von – notwendigem – Fehlalarm den Sicherheitsapparat der Stadt fast lahm legen. Immer häufiger muss die Polizei trotz skeptischer Gefahrenbeurteilung Sicherheitsvorkehrungen treffen, die eigentlich für Ausnahmesituationen vorgesehen sind.

Vor zehn Tagen hielten in diesem Fall das US-Konsulat in Zehlendorf und das Amerika-Haus in Charlottenburg wegen der Terrorwarnung ihre Türen für zwei Tage geschlossen. Die USA forderten höchste Sicherheitsvorkehrungen für US-amerikanische Einrichtungen aller Art, nicht nur für die beiden Objekte. Der Umfang der verlangten Maßnahmen reichte an das Niveau, das die Sicherheitsbehörden etwa für einen möglichen Kriegsbeginn gegen den Irak reserviert haben. Erst nach einer Festnahme in Prag konnte Entwarnung gegeben werden.

Die US-Botschaft in Damaskus hatte einen Brief erhalten, indem sich ein gewisser Walid M. selbst bezichtigte, als potenziellen Attentäter bezeichnete und mit Anschlägen in Berlin drohte. Der Brief war in Beirut aufgegeben worden und wurde vom israelischen Geheimdienst übersetzt. Genaue Anschlagsziele waren nicht benannt, aber der 29., der 30. und der 31. Januar.

Am Montag vergangener Woche bestätigte die tschechische Polizei dann die Festnahme mehrere Palästinenser auf dem Prager Flughafen. Darunter der potenzielle Attentäter mitsamt Frau und Kind. Sofort stellten die Palästinenser einen Asylantrag und wurden in ein Asyl-Sammellager gebracht. Der Mann habe sich zwar als ein Mitglied terroristischer Gruppen ausgegeben. Ernst genommen haben das aber weder die tschechischen noch die deutschen Behörden. Vermutet wird, das er sich mit der Geschichte wichtig machen wollte.

Obwohl der Brief insgesamt schon eher wirr und dilettantisch verfasst war, musste die Polizei reagieren. Seit dem 11. September 2001 und der gestiegenen abstrakten Gefahr stehen die Behörden noch mehr als zuvor vor dem Problem, zwischen echten und falschen Warnungen zu unterscheiden. Der Apparat, davor warnt die Gewerkschaft der Polizei seit vielen Monaten, stößt an seine Grenzen. Ein Sicherheitsexperte spricht von einer „gigantischen Häufung von Selbstbezichtigungen“. Sowohl in Berlin als auch im gesamten Bundesgebiet.

Eine Geschichte, die nach Ort und beteiligten Personen immer wieder in Variationen auftaucht, ist die Folgende: Ein Araber habe sein Portemonnaie mit mehreren Tausend Euro darin verloren. Eine Deutsche will sie ihm zurückgeben. Den angebotenen Finderlohn lehnt sie ab. Dafür warnt sie der Mann, an einem bestimmten Datum einen gewissen Ort zu meiden. Dort würde etwas Schreckliches passieren. Die Beamten kennen diese Geschichte schon auswendig. Nie konnten Personen zugeordnet werden. Doch der Aufwand, den die Sicherheitsbehörden betreiben müssen, ist enorm. Und er bindet Kräfte, die die Polizei dringend an anderer Stelle bräuchte.

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