Berlin : Der Einmischer

FU-Professor Peter Grottian organisierte Protest gegen Hartz IV – und wird von allen Parteien kritisiert

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„Die Demonstration ist aufgelöst. Wir gehen jetzt als Bürger und Bürgerinnen in die Agentur hinein und machen dort unser Programm.“ Das rief Professor Peter Grottian 500 Demonstranten vor dem Weddinger Arbeitsamt zu. Doch hinein kamen die Streiter gegen Hartz IV nicht, das Gebäude an der Müllerstraße war von der Polizei abgeriegelt. Scharmützel mit der Polizei folgten, etwa ein Dutzend junger Menschen wurde festgenommen. „Aufhören“ rief der Professor von den Treppen des Arbeitsamtes, als sich Polizei und Kreuzberger Linke besonders stark um das Recht, auf der Müllerstraße zu stehen, balgten.

Ursprünglich sollte die von FUProfessor Grottian angemeldete Demo vom Leopoldplatz bis zur Grünanlage, etwas abseits des Arbeitsamtes führen. Der Gang vor das Amt oder sogar hinein, war ihm verboten worden. Als die organisierten Hartz-Gegner plötzlich los- und an Grottian vorbeirannten, war die Polizei überfordert. Plötzlich standen die Demonstranten da, wo sie hinwollten, aber nicht hin sollten: direkt vor dem Arbeitsamt. Zwei Stunden lang balgten sich Polizisten und Demonstranten. Grottian stand am Rande und ließ sich von diversen Kamerateams interviewen. Damit ihn jeder erkannte, trug er ein Namensschild am rosa Oberhemd. „Das ist seit 20 Jahren mein Selbstverständnis als Politikprofessor“, sagte Grottian – „als Politikprofessor muss man sich einmischen. Ich bin kein Biologe“. Dass die Freie Universität sein Engagement kritisch sieht und es als illegal bezeichnet, dass eine FU-Telefonnummer auf den Demo-Aufrufen steht, stört Grottian nicht: „Ich wäre bereit, die Telefonkosten zu begleichen.“

Die Arbeitsagenturen kritisierte Grottian als „bürokratisches Monster“, das aufgelöst gehöre. „Wir müssen uns fragen, was verbrechen diese Agenturen eigentlich?“ Er gibt aber zu, dass dieser Protest die Arbeitslosen in der Müllerstraße nicht erreicht. Ein Beratungsangebot für Arbeitslose wäre sinnvoller, sagte er, doch das könne die Linke nicht leisten.

In der Politik stößt Grottians Aktivismus längst nicht mehr auf Sympathien – nicht einmal auf der Linken. PDS-Fraktionschef Stefan Liebich hat den Eindruck, dass für Grottian „das Spektakuläre“ an den Aktionen am wichtigsten sei. Die Aktionen vom Montagmorgen seien jedenfalls Proteste „am falschen Ort“ gewesen. Nicht die Arbeitsagenturen, sondern die Politik habe die Hartz-Reformen zu verantworten. „Aktionistisch“ findet die grüne Abgeordnete Elfi Jantzen Grottians Agitatoren-Auftritte, doch hat sie so wenig wie Liebich ein Problem damit, dass der Professor aus der Sicherheit der Beamtenexistenz politisiert.

Die SPD-Abgeordnete Heidi Fischer forderte Grottian auf, sich auf das zu beschränken, „wofür der Staat ihn bezahlt“, auf Lehre und Forschung. Den Protest vor den Arbeitsagenturen fand sie unpassend und falsch. Man solle die Agenturen jetzt „nicht behindern“, sondern arbeiten lassen. Dann könnten sie Arbeitsuchende eher fördern. Der CDU-Abgeordnete Frank Henkel erinnerte Grottian an das Mäßigungsgebot, das für Beamte gilt. Rainer-Michael Lehmann von der FDP meinte, Grottian solle doch „ganz in die Politik gehen“ statt aus der Beamtenposition heraus mit den Ängsten der Hartz-Betroffenen zu spielen. Die FU lehnte eine Stellungnahme gestern ab. Ha/wvb.

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