Berlin : DER EISSCHNITZER

Es heißt, die Zeit zwischen den Jahren diene dem Durchatmen. In unserer Firma merken wir davon jedoch nichts. Zum Jahresende häufen sich die Aufträge. Viele Unternehmen oder Privatpersonen wollen ihre Silvesterparty mit einem außergewöhnlichen Hingucker schmücken und bestellen bei uns individuell gefertigte Eisskulpturen, die zwischen dem 29. und 31. Dezember ausgeliefert werden. Unser vielleicht prominentestes Objekt ist die Eisbar fürs Adlon. Sie besteht aus knapp sechs Tonnen Eis. Die 56 Einzelblöcke werden bei uns auf dem Gelände in verschiedenen Maßen gefertigt. Je nach Größe brauchen sie zwischen fünf und 35 Tagen zum Frieren. Das Wasser dafür ist sechsfach gefiltert und speziell aufbereitet, dadurch wird das Eis länger haltbar. Die Bar wird dieses Jahr knapp 13 Meter lang sein, der Clou ist eine Feuersäule von über zwei Metern Höhe. Es handelt sich dabei um echtes Feuer, die Flammen sind durch das klare Eis deutlich zu erkennen. Die Formen und Gravuren erzeugen wir mit speziellen Fräsen, Meißeln und Sägen. Für die Montage vor Ort benötigen wir zu fünft etwa sechs Stunden.

Die Bar wird in der Lobby aufgebaut, sie steht in einer sieben Zentimeter tiefen, eigens gefertigten Entwässerungsplatte, damit das Tauwasser unauffällig abfließen kann. Das Ganze ist so konstruiert, dass es beim Schmelzen stabil bleibt und bei einer Umgebungstemperatur von zwei Grad bis zu zwei Wochen haltbar wäre. Die Bar wird an Silvester um 18 Uhr eröffnet, am frühen Neujahrsmorgen um fünf ist Schluss. Ich selbst werde gar nicht dazu kommen, das neue Jahr groß zu feiern. Um für den Abbau einigermaßen fit zu sein, gönne ich mir lieber etwas Schlaf. Was jedes Jahr aufs Neue schön anzusehen ist: das kindliche Verlangen der Gäste, mit der nackten Hand über die Bögen und Flächen der Bar zu streichen. Dem Eis macht das übrigens nicht viel aus. Es stellt sich stumm seinem vergänglichen Schicksal.

Bernd Weinert, 46, ist Eisschnitzer bei der Firma Iceblockers in Schöneweide.

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