Berlin : Der erfundene Agent

Werner Mangelsdorf wurde aus West-Berlin in den Osten gelockt – und als angeblicher Provokateur des Aufstands verurteilt

Ilko-Sascha Kowalczuk

Nach der Niederschlagung des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 hatte die Staatssicherheit der DDR keine leichte Aufgabe: Sie sollte „westliche Hintermänner und Agenten“ aufspüren, die den „faschistischen Putschversuch“ organisiert haben sollen. Problem dabei: Diese Hintermänner gab es nicht. Am 11. November 1953 räumte der neue Stasi-Chef Ernst Wollweber intern ein: „Wir müssen feststellen, dass es uns bis jetzt noch nicht gelungen ist, die Organisatoren des Putsches festzustellen.“

Gleichwohl inszenierte die SED-Führung mehrere Schauprozesse. Höhepunkt war ein Verfahren im Juni 1954 vor dem Obersten Gericht der DDR. Die vier Angeklagten, unter ihnen Werner Mangelsdorf, waren aus West- Berlin entführt oder durch List in den Ostteil der Stadt gelockt worden. Der Prozess endete mit Urteilen von bis zu 15 Jahren Zuchthaus.

Tatsächlich war nur Mangelsdorf aktiv an den Streiks beteiligt – und zwar in Gommern. In der Kleinstadt bei Magdeburg erfuhren die Bauarbeiter am Vormittag des 17. Juni durch Pendler von den Protesten. Auch in Gommern begannen Streiks. Den Bauleuten schloss sich schnell der VEB Geologische Bohrungen an. In einer hitzigen Versammlung forderten Arbeiter den Sturz der Regierung.

Der Hauptredner, der ehemalige Polizeikommissar Werner Mangelsdorf, rief dazu auf, zum Zwiebelturm zu marschieren, dem Gefängnis in Gommern. Es beteiligten sich bis zu 800 Menschen, in manchen Stasi-Dokumenten ist von 3000 die Rede. Zunächst ging es zur Polizei, wo man die Polizisten zwang, die Waffen abzulegen und aufforderte, mitzumarschieren. Anschließend stürmten die Demonstranten das Gefängnis und brachen die Zellen auf. Der Bürgermeister wurde für abgesetzt erklärt. Die Demonstranten drängten Mangelsdorf, den Posten zu übernehmen.

Am Nachmittag rückten sowjetische Einheiten an. Die Polizei begann die Suche nach „Rädelsführern“. Mangelsdorf flüchtete. Erst verbarg er sich in Ost-Berlin und Potsdam, am Monatsende ging er in den Westen.

In West-Berlin knüpfte er wieder Kontakte mit der Stasi, für die er schon zwischen Juni 1952 und April 1953 als geheimer Informant „Werkzeug“ gearbeitet hatte. Im Dezember 1953 verpflichtete er sich wieder. Doch es nützte ihm nichts. Mangelsdorf ließ sich am 16. Januar 1954 auf den Bahnhof Friedrichstraße locken – und wurde verhaftet. Mangelsdorf wusste zwar, dass ihn Stasi-Offiziere erwarten würden, hatte aber angenommen, es handle sich um ein Gespräch mit seinen Führungsoffizieren.

Den Auftrag, „westliche Hintermänner “ zu überführen, konnten Justiz und Staatssicherheit nicht erfüllen. Die Urteile gegen Mangelsdorf und andere wurden stattdessen mit dem Krieg in Korea oder etwa der Hinrichtung des Ehepaares Rosenberg in den USA, denen damals Atomspionage für die Sowjetunion vorgeworfen wurde, begründet. Die gleichen „imperialistischen und faschistischen Kreise“, die für diese Vorgänge verantwortlich seien, hätten auch in der DDR die „Konterrevolution“ angeleitet und durchgeführt. Werner Mangelsdorf sollte angeblich einer von ihnen sein. Er kam erst 1964 frei.

Der Autor ist Historiker bei der Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen. Er schrieb das Buch „17. Juni 53 – Volksaufstand in der DDR“.

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