Berlin : Der Estonia-Krimi

Im Sinne der Pietät: Greta Scacchi bei der Premiere des Films „Baltic Storm“ im Cubix-Kino am Alex

Andreas Conrad

Roter Teppich? Wie langweilig. Und wie unpassend, jedenfalls in diesem Fall, da es doch um Wasser geht, die stürmische Ostsee in der Nacht vom 27. auf den 28. September 1994. Nur blau kommt da als Teppichfarbe in Frage, der Premierenritus muss sich dem eben beugen. Und nach der Vorführung von „Baltic Storm“ im Cubix nahe dem Alexanderplatz würde an diesem Montagabend auch keine rauschende Party steigen. Schließlich starben bei dem Untergang der „Estonia“, der dem von Regisseur Reuben Leder gedrehten Film zugrunde liegt, 852 Menschen, daher sprach die Produktionsfirma im Vorfeld lieber zurückhaltend von Premierenfeier. Dem nassen Filmstoff ebenfalls angemessen, hatte man sich dafür das Maritim-Hotel in der Friedrichstraße ausgesucht.

Doch Pietät hin oder her – Stars müssen bei solch einer Premiere doch sein, und da war es natürlich schade, dass Jürgen Prochnow schon im Vorfeld des Kinostarts abwinkte. Er reist derzeit mit einem Tourneetheater durch die Lande, musste daher die „Brisante Erinnerung“-Aufführung im niedersächsischen Nordhorn der „Baltic Storm“-Premiere in Berlin vorziehen.

Aber die anderen einheimischen Filmkünstler, die an dem Projekt beteiligt waren, waren doch ziemlich komplett vertreten. Sissi Perlinger kam, wieder sehr farbenfroh, dazu Barbara Schöne, Suzanne von Borsody, Jürgen Tarrach und Dieter Laser. Bei Donald Sutherland dagegen waren die Hoffnungen längst erloschen, dass er doch noch über den blauen Teppich schreiten würde, und so richteten sich die Glamourhoffnungen vor allem auf Hauptdarstellerin Greta Scacchi. Sie spielt die investigative Journalistin Julia Reuter, die schon ihre Initialen als Alter ego von Jutta Rabe ausweisen. Diese ist ebenfalls Journalistin und dazu eine der beiden Produzenten. In „Baltic Storm“ gipfeln ihre jahrelangen Recherchen zu dem Untergang, in dem sie keinen Unfall, sondern ein Attentat sieht.

Gegen 20 Uhr war es endlich so weit, und Jutta Rabe und ihr Mitproduzent Kaj Holmberg konnten Greta Scacchi und Regisseur Reuben Leder auf dem blauen Teppich begrüßen. Beide Damen waren betont dezent gekleidet, Pietät auch hier. Die Produzentin im schlichten schwarzen Hosenanzug, die Schauspielerin immerhin im glamourösen schwarzen Abendkleid mit behutsam angedeutetem Dékolleté, dazu eine Silberjacke.

Greta Scacchi ist diese dezente Form nicht unbedingt auf den Leib geschnitten, man ist von ihr ganz anderes gewohnt. Am 18. Februar 1960 wurde sie als Tochter einer englischen Tänzerin und eines italienischen Malers geboren, mit 15 zog sie mit ihrer Mutter nach Australien, arbeitete auf einer Schaffarm und als Dolmetscherin. Ihr Filmdebüt kam 1982 in Dominik Grafs „Das zweite Gesicht“, damals lernte sie extra Deutsch.

Fünf Jahre musste sie auf ihren Durchbruch warten, fand ihn schließlich mit meist erotischen Rollen, darunter in „Die letzten Tage in Kenia“. Regisseur Michael Radford rühmte damals Greta Scacchis „sexuellen Magnetismus“, den sie später auch in Bernd Eichingers „Salz auf unserer Haut“ bewies. Aber wer mag an die reizende Vergangenheit denken, geht es in diesem traurigen Fall doch vor allem um Meersalz.

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