Berlin : Der etwas andere Dreh

Die erste freie Berliner Tanzschule „taktlos“ macht seit zwanzig Jahren alles anders. Heute ist die freie Tanzszene riesengroß, und das Konzept wurde oft kopiert

Dorothee Nolte

Am Anfang war der Stöckelschuh. Der Anzug mit Fliege. Das „Darf ich bitten?“. Das ergebene Warten der Dame auf das Aufgefordertwerden, die steigende Nervosität des Herrn beim Auffordern. Das alles kannten Ulrike Popp und Ele Busch aus ihren jugendlichen Tanzschulzeiten. Und genau das wollten sie nicht. Aber tanzen – Walzer, Foxtrott, Quickstep, Cha-Cha, Rumba, Standard eben – wollten sie schon, damals vor zwanzig Jahren, als die alternative Tanzszene in Berlin gerade mal die Kinderschuhe überstreifte. Es waren eher Birkenstocksandalen als Stöckelschühchen, aber auch mit ihnen ließ es sich übers Parkett wirbeln.

Am kommenden Wochenende feiert die älteste der alternativen Tanzschulen ihr 20-jähriges Bestehen, und zwar genau dort wo alles anfing: im Nachbarschaftshaus Urbanstraße in Kreuzberg, einem ehemaligen Offizierskasino mit Freitreppe und riesigem Garten, das unter anderem eine Kita und das Büro des Kreuzberger Tauschrings beherbergt. Hier arbeitete Ele Busch als Sozialpädagogin, als einige Freunde auf die Idee kamen, sie wollten tanzen lernen, aber nicht in einer konventionellen Tanzschule. Zusammen mit Ulrike Popp kratzte sie ihre Tanzstundenkenntnisse zusammen, und die beiden gaben 1983 im schönen Ballsaal des Nachbarschaftshauses die ersten improvisierten Kurse, „mit nur einer einzigen Platte, von Hugo Strasser“, erinnert sich Ulrike Popp.

Aus dem Hobby eines Freundeskreises entwickelte sich alles weitere: Über Mund-zu- Mund-Propaganda kamen immer mehr Tanzwütige und neue Tanzlehrer, der Name „taktlos“ wurde beim Brainstorming in der Kneipe gefunden und 1988 wurde die Schule offiziell als Firma gegründet. Gleichzeitig fanden die ersten Kurse für schwule Männer – „Mann tanzt“ – statt. Zeitweise mussten Tanzwillige bis zu zwei Jahre warten, um in Kurse aufgenommen zu werden.

Wartelisten gibt es heute nicht mehr, denn die alternative Tanzszene in Berlin ist mittlerweile so vielfältig, dass jeder sein Plätzchen findet. Ele Busch leitet inzwischen das „Maxixe“, und auch die konventionellen Schulen, die im Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband (ADTV) organisiert sind, sind lockerer geworden. Monika Keller, Vorsitzende des ADTV Nordost, sagt: „Auch wir haben keine Kleiderordnung mehr, sind weggekommen von festen Schrittfolgen, und wenn Männer- oder Frauenpaare zu uns kommen, können sie auch mittanzen.“

Die rund 500 Berliner, die heute zu „taktlos“ gehen, kommen, um Spaß zu haben und Freunde zu treffen. Die Atmosphäre bei den Tanztees, -abenden und Bällen ist zwanglos und fröhlich, man tanzt hier weniger zackig und perfekt als in den ADTV-Schulen, die auch für Turniere ausbilden, weniger ernst und innig als in der Tango-Szene und gibt sich weniger schick als in anderen freien Tanzschulen wie dem „bebop“.

„Wir legen viel Wert auf Geselligkeit“, sagt Tanzlehrerin und Mitinhaberin Christine Nimtsch. „Deswegen machen wir viel Partnerwechsel und ziehen auch Tanzunbegabte mit.“ Dabei versteht es sich von selbst, dass Frauen auffordern und dass auch Frauen- oder Männerpaare einen Jive oder Slowfox hinlegen – und wer Lust hat, zieht auch Stöckelschuhe und Fliege an.

Die ersten taktlos-Jünger in den Achtzigern waren um die dreißig, heute liegt der Altersdurchschnitt zwischen 40 und 50. „Sie sind mit uns älter geworden“, sagt Christine Nimtsch. Schlimm findet sie das nicht, denn: „Das zeigt ja: Wer bei uns anfängt, bleibt lange dabei.“

Zum Jubiläum gibt es am Freitag, 13. Juni, ab 18.30 Uhr kostenlose Schnupperkurse für Anfänger und zur Auffrischung, ab 20.30 Uhr Tanzabend. Am Sonnabend ab 20 Uhr einen Benefizball für das Nachbarschaftshaus mit „Jerry Jenkins & his Band of Angels“, Sonntag ab 11 Uhr ein Frühstücksbüfett und Erzählcafé für ehemalige Tänzer. Am 18. Juni ab 20.30 Uhr gibt es ein Männerfest zur Feier von „15 Jahre Mann tanzt“ (taktlos, Urbanstraße 21, www.taktlos.de , Tel. 6935835)

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