Berlin : "Der Euro kommt": Mit Mayo und Musik ins einig Euroland

Annette Kögel

Daniel Templiner will es genau wissen. "Gilt der Euro auch in Französisch-Guayaana?", fragt der 13-jährige Siebentklässler vom Canisius-Kolleg den Mann im Infozelt der Bank. Da muss selbst der Volkswirtschafts-Profi aus Frankfurt kurz überlegen. Doch, er gilt: Überall dort, wo die Währung der jeweiligen früheren Kolonialmacht als offizielles Zahlungsmittel anerkannt wird, können künftig auch Berliner mit dem Euro zahlen. Horizonterweiterung zwischen Crèpestand und Silberschmuck-Händler, Feuerwehr-Infotisch und Mayo-Bude - auf dem Sommerfest "Der Euro kommt" an der Ostseite des Brandenburger Tores.

Die Dresdner Bank hat geladen, und die Berliner strömen. Erscheint ja auch alles so schön billig hier. Paprika-Fleisch-Pfanne für 3,07, das Bier für 2,56 - der DM-Preis in Euro. In der Silvesternacht verabschieden sich auch die Deutschen von der Mark, an die sich die Ost-Berliner gerade erst gewöhnt haben. Mit den alten Scheinen und Münzen darf man noch bis zum 28. Februar 2002 im Einzelhandel bezahlen - danach werden Säumige "Hunni" und "Sechser" nur noch bei den Landeszentralbanken, etwa in der Kurstraße 40 in Mitte, los. Exakt ein Dutzend Nationen vereinen sich mit Deutschland zum einig Euroland, nämlich Griechenland, Belgien, Spanien, Frankreich, Irland, Luxemburg, Italien, Niederlande, Österreich, Portugal und Finnland.

Wer bei Fragen nach Fakten wie diesen bei "Wer wird Millionär" gescheitert wäre, kann sich heute noch auf den neuesten Stand bringen. "Die Leute rennen uns die Bude ein", sagt Sunita Royal im "Beraterbank"-Zelt mit Prospekten und Aufklebern links vom Brandenburger Tor. Das Fest: eine Mischung aus Weihnachtsmarkt, Rummelplatz und Bildungsbürgerbegegnung. Manchmal kommen menschgewordene Münzen vorbei - Hostessen in blaugelbem Euro-Outfit. Berliner und Touristen flanieren Unter den Linden, sie sind noch bis Montag Früh um fünf zwischen Glinkastraße und Tor für den Verkehr gesperrt. Heute Abend kommen die Puhdys, tags perlen Ohrwürmer aus den aktuellen Charts aus Hochstand-Boxen. So einen satten Sound wünschte man sich in mancher Diskothek.

Aber hier geht es nicht ums Vergnügen allein, das bezeugen die Videoleinwände, auf denen Posiumsdiskussionen von der Bühne übertragen werden. Wort wie "Akzeptanz" und "Aufklärung" wabern durch die Luft mit Grillwurstduft. Mit der Akzeptanz ist es bei Bernd Damme aus Lübars nicht weit her. "Ich habe mir von jedem Urlaub ein paar Scheine für die nächste Reise mitgebracht. Wenn ich die jetzt umtauschen will, verlangen die meisten Banken Gebühren. Und wenn ich zur Landeszentralbank fahre, werden ich acht Mark fürs BVG-Ticket los", ärgert sich der 61-Jährige.

Mit vergnatzten Konsumenten hat es Christopher Lucht als Berater am Euro-Bürgertelefon (0180 / 321 2002) öfter zu tun. Heute sortiert er dicke Broschüren am Info-Counter des Europäischen Hauses von EU-Parlament und -Kommission an der Ecke Wilhelmstraße. Die Besucher sacken die Papiere ein wie Prospekte auf der ITB. "Ich hoffe, dass 10 000 Exemplare reichen", sagt Lucht. Den "Ratgeber Euro" druckt die Bundesregierung zwar eine Million mal nach - aber erst nächste Woche.

Dass sie sich künftig nicht mehr mit abgegriffenen Drachmen oder Liren auf eine Reise einstimmen können, stört das Ehepaar im Euro-Haus-Foyer wenig. "Umrechnen müssen wir ja weiterhin." Nur was die Wirtschaftslage angeht, die Arbeitsplätze und Steuern, ist die 65-Jährige skeptisch.

Canisius-Schüler Alexander Rosenthal regt sich auf über die Milliarden-Kosten für die Produktion der neuen Währung. Sunita Royal weiß, dass "der Mensch sich generell nicht gern auf was Neues einstellt". Daniel Templiner findet das hingegen alles sehr spannend. Und wo man mit dem Euro überall bezahlen kann. Monaco! San Marino! Vatikanstadt! Andorra! Auf den Niederländischen Antillen! Ganz zu schweigen von Französisch-Guayana.

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