Berlin : Der Fahnensüchtling

Gerd Conradt macht ziemlich spezielle Dokumentarfilme. Sein neuer Streich ist die „Mauerweg Stafette“ Beim Dreh am Sonnabend kann jeder mitmachen. Das Ergebnis wird im August gezeigt

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Bär im Tiefflug. Hier schwenkt Gerd Conradt vor den Mauerresten an der Niederkirchnerstraße seine Berlinfahne. Samstag startet er am Checkpoint Charlie. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Bär im Tiefflug. Hier schwenkt Gerd Conradt vor den Mauerresten an der Niederkirchnerstraße seine Berlinfahne. Samstag startet er...

Mit Stafetten hat er’s. Schon die erste Farbfilmrolle, die Gerd Conradt als Filmstudent beim Kameraseminar von Michael Ballhaus in die Hand gedrückt bekam, verwandelte er in einen gefilmten Staffellauf. Mit einer roten Fahne als Stafette, was sonst. War schließlich 1968 und Gerd Conradt bekennender Maoist. Der letzte Läufer, der die von langhaarigen jungen Männern über die Schloßstraße getragene Stafette schließlich im Rathaus Schöneberg hisste, war Gerd Conradts Freund und Kommilitone Holger Meins, der spätere RAF-Terrorist.

Das ist Propaganda, sagt Conradt und meint damit sowohl das alte wie auch sein neues Filmprojekt, die „Mauerweg Stafette“. Propaganda für den 160 Kilometer langen Mauerweg, den der Filmemacher und Konzeptkünstler erlebt, geschützt, erhalten und gepflegt wissen will. „In 20 Jahren ist dieser grüne Streifen die Attraktion der Stadt.“ Und damit deren Bewohner endlich begreifen, was sie an diesem Überbleibsel der Mauer haben, dreht Conradt an diesem Sonnabend die nächste Etappe seiner Dokumentation. Im Rahmen des Gedenkjahres „50 Jahre Mauerbau“ wird der Film zeitnah zum 13. August in der Mauergedenkstätte Bernauer Straße Premiere feiern.

Als Stafette dient diesmal natürlich keine rote, sondern die Berlinfahne. Der Regisseur, dem man die jüngst vollendeten 70 Lebensjahre absolut nicht anmerkt, war – wie sich das in seiner Generation gehört – nach seiner Revoluzzerphase zwar zehn Jahre lang Sanyasi und reiste regelmäßig zu seinem Guru Bhagwan nach Indien, aber inzwischen hat er längst Berlin zu seiner eigentlichen Religion gemacht. Zahlreiche Filme wie „Die Spree – Sinfonie eines Flusses“, die Schuldenberg-Doku „Monte Klamotte“ oder „Fernsehgrüße von West nach Ost“ zeugen von dieser obsessiven Liebe.

Der 1955 als Internatszögling nach Berlin geratene Thüringer zögert auch kein bisschen, sich selbst als Werbeträger für sein Filmprojekt einzuspannen: in Berlinjacke und mit Berlinfahne drückt er den Leuten beim Treffen am Mauerstück neben dem Martin-Gropius-Bau seinen Infozettel zur Stafette in die Hand. Alle sollen kommen, alle sollen mitmachen! Treffpunkt am Sonnabend ist der Checkpoint Charlie. Fahrrad mitbringen nicht vergessen, damit man sich als Läufer eines kleinen Abschnitts bis zum Chris-Gueffroy-Denkmal in Neukölln auch schön über die Strecke verteilen kann.

Kontaktsucht ist ein Berliner Wesenszug, sagt der in seiner Neugier und Begeisterung wirklich ziemlich unwiderstehliche Selbstdarsteller. Zuerst fragen ihn alle Leute „Was ist denn das für eine Scheiß-Aktion?“. Und dann machen sie selber den Scheiß mit. So ging das jedenfalls dem Journalisten Hajo Schumacher, den Conradt für den Stafettenlauf anfragte. Himmelfahrt war er genauso wie Kabarettist Arnulf Rating beim Dreh des Abschnitts von Hermsdorf zur Kapelle der Versöhnung dabei. Erster Läufer am Samstag ist Dschungelkönig Peer Kusmagk und morgens um acht setzen sich an der Glienicker Brücke Boote des Berliner Ruder-Clubs zur Ruderstafette auf der alten Wassergrenze in Bewegung.

Leute in Bewegung bringen und dabei den Stadtraum am Rande des Mauerwegs sichtbar machen, das ist Conradts Plan. Das Laufen und die Subjektive der in einer Rikscha vorwegfahrenden Kamera sind die strenge Form. „Es ist ein Kreistanz“, sagt er, „das fasziniert mich“. Da ist es ihm auch egal, dass Hauptstadtkulturfonds und Medienboard Berlin-Brandenburg diesmal nur 10 000 Euro für sein Projekt herausrückten. Nicht gerade üppig für einen sparsam berenteten Künstler, der auch noch Gedichte verfilmt und öffentlich Maultrommel spielt. Zum Glück sei seine Frau Lehrerin, sagt er. Apropos Maultrommel. Das kleine Stahlding treibt den Deutschlandchef der internationalen Maultrommelvereinigung Mitte Juni weit ab vom Mauerweg. Mit seiner um Ost-Rocker Dirk Michaelis erweiterten Band Preußischblau fliegt Conradt zum großen Maultrommelfestival nach Jakutien. „Da können Sie auch hinkommen“, strahlt Conradt. Also wirklich: Mit dem Animieren hat er’s.

Beginn ist am Sonnabend um 16 Uhr am Checkpoint Charlie, bitte per Mail anmelden unter an mauerwegstafette@gmx.de

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