Berlin : Der Fahrstil ist entscheidend

Auch Winterreifen können die Physik nicht überlisten – und sie sind nicht vorgeschrieben

Sandra Dassler

„Ich habe Sommerreifen, ich lass’ das Auto lieber stehen“. Berliner Taxifahrer hörten diesen Spruch oft, als ihnen Schnee und Eis am Dienstagabend mehr Kundschaft als sonst bescherten. Alle Jahre wieder fragen sich Autofahrer, ob sie angesichts der geringen Verweildauer einer geschlossenen Schneedecke auf den hauptstädtischen Straßen die empfohlenen Winterreifen kaufen sollen.

Gesetzlich vorgeschrieben ist das nach wie vor nicht. Erst kürzlichhatte der Vorschlag der Innenminister, Winterreifen-Pflicht für alle einzuführen, politischen Streit entfacht.Denn Bundes-Verkehrsminister Manfred Stolpe lehnte den Vorstoß ab. Seine Begründung, wonach die Straßen in Deutschland in der Winterzeit nur an relativ wenigen Tagen mit Schnee oder Eis bedeckt seien und bei trockener oder nasser Fahrbahn die Sommer- oder Ganzjahresreifen Vorteile hätten, rief Widerspruch hervor. So argumentierte der Automobilclub AvD, dass Winterreifen nur bei Temperaturen von über sieben Grad einen längeren Bremsweg als Sommerreifen hätten. Bei einer Vollbremsung könne dies aber über Leben und Tod entscheiden.

Einer, der sich seit Jahren mit diesem Problem beschäftigt, ist der Reifenexperte im Dekra-Technology-Center am Lausitz-Ring, Andreas Schwedler. Er empfiehlt Pendlern, die täglich auf das Auto angewiesen sind, in jedem Fall je nach Jahreszeit Sommer- oder Winterreifen zu verwenden. Wer zur Not auf den Wagen verzichten kann oder ohnehin nur wenig fährt, komme vielleicht auch mit Allwetter-Reifen aus. Manche von denen seien besser als billige Winterreifen, sagt Schwedler: „Wovon ich immer abrate, ist die Variante, nur auf eine Achse Winterreifen zu ziehen, um Geld zu sparen. Und auch mit den besten Winterreifen kann man die Physik nicht überlisten. Das Wichtigste bei chaotischen Wetterverhältnissen ist, seine Fahrweise den Verhältnissen anzupassen.“

Das sehen auch die Versicherungen so. Ein Sprecher der Kravag sagte dem Tagesspiegel: „Natürlich prüfen wir bei Unfällen auch die Frage, ob die Bereifung etwas mit der Unglücksursache zu tun hatte. Wenn jemand mit Sommerreifen ins Gebirge fährt, obwohl der Verkehrsdienst angesagt hat, dass ein Befahren nur mit Winterausrüstung möglich ist, hat er schlechte Karten.“ Einen Automatismus „falsche Reifen – keine Versicherungszahlung“ gäbe es aber nicht. Das wäre auch nicht angebracht, sagen Experten. Winterreifen hätten ihre Vorteile auf einer geschlossenen Schneedecke und bei Temperaturen unter sieben Grad. Bei Blitzeis können auch sie wenig ausrichten. Für solche Fälle empfiehlt Reifenexperte Schwedler, das Auto stehen zu lassen. Er bemängelt, dass es in Deutschland keinerlei gesetzliche Vorschrift gibt, wie ein Winterreifen überhaupt beschaffen sein muss: „Die Kontrolle darüber erfolgt über Vergleiche. Es gibt aber, beispielsweise im Gegensatz zu den USA, keine Norm, die Hersteller von Winterreifen einhalten müssen.“

Wer Vielfahrer ist – auch darauf verweisen Experten immer wieder – kommt übrigens mit Sommer- und Winterreifen im Zweifel auch finanziell günstiger. Durch den Wechsel nutzen sich diese nicht so schnell ab wie ganzjährig genutzte Allwetterreifen.

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