Berlin : Der Fall Sürücü hat alle aufgerüttelt

Experten diskutierten über Zwangsheirat SPD und CDU im Bund über neues Gesetz einig

Katja Füchsel

Zuweilen sind sie machtlos. Als beispielsweise Semra U. Zuflucht bei „Papatya“ suchte, weil sie ihren türkischen Cousin nicht heiraten wollte, vermittelten die Krisenhelfer zwischen der 15-Jährigen, ihrer Familie und den Behörden. Weil die Eltern schriftlich versicherten, dass die Tochter nicht in eine Ehe gezwungen werde, ging Semra zurück. Wenige Tage später wurde sie in die Türkei verschleppt und verheiratet. Semra U. war 21, als sie sich wieder scheiden lassen wollte und ihr Mann sie deshalb vor den Augen der kleinen Tochter mit 30 Messerstichen tötete. „Keiner konnte Semra helfen, und keiner konnte Hatun Sürücü helfen“, sagt Eva Kultus, Chefin bei Papatya, der „Kriseneinrichtung für junge Migrantinnen mit geheimer Adresse“.

Der Ehrenmord an Hatun Sürücü hat im Frühjahr die Öffentlichkeit erschüttert, was, so makaber es klingt, auch eine gute Seite hat. „Wir sind beim Thema Zwangsheirat ein gutes Stück vorangekommen“, sagt Rahel Volz von „Terre de Femmes“. Heute werden Zwangsehen nicht mehr als bedauerliche Einzelfälle abgetan, auch die Politik hat das Problem erkannt. Noch ringen SPD und CDU um eine große Koalition, in diesem Punkt hat man sich aber bereits geeinigt: „Zwangsverheiratungen können nicht geduldet werden“, heißt es in beiden Fraktionen. Die Rechtsstellung der Opfer müsse verbessert werden. Die Zwangsehe solle als Straftatbestand ins Gesetzbuch integriert werden. „Diesen Passus haben wir ins Koalitionspapier aufgenommen“, sagt die SPD-Bundestagsabgeordnete Angelika Graf.

„Verliebt, verlobt, verheiratet – Präventionsstrategien gegen Zwangsverheiratung“, unter diesem Motto hatte die Friedrich-Ebert-Stiftung am Freitag zu einer Fachtagung eingeladen. Mit Zahlen konnten auch hier die Experten nicht dienen: Es gibt weder Statistiken noch solide Schätzungen über Zwangsehen – nur Erfahrungswerte: „Etwa ein Drittel der Mädchen, die zu uns kommen, sind davon betroffen“, sagt die Papatya-Chefin.

Nicht alle Fälle enden so tragisch wie die von Semra und Hatun. Tatsächlich sei es Papatya schon oft gelungen, Zwangsehen zu verhindern – wenn die Voraussetzungen stimmten. „Es muss bei den Mädchen der Wille und die Stärke vorhanden sein, mit der Familie endgültig zu brechen“, sagt Eva Kultus. Dann könne Papatya den meist Minderjährigen helfen, unter einer geheimen Adresse ein neues Leben zu beginnen – in Berlin oder notfalls auch in einer anderen Stadt.

Hatun Sürücü fehlte offenbar diese Stärke. Die 23-jährige Türkin entschied sich zwar für ein westlich geprägtes Leben, trennte sich von ihrem Mann – suchte aber weiter den Kontakt zu ihrer Familie. Derzeit müssen sich drei ihrer Brüder wegen Mordes vor Gericht verantworten. Der Mann von Semra U. ist zu 12 Jahren Haft verurteilt worden.

Das Ergebnis der Tagung lässt sich auf eine Formel bringen: „Wir sind meilenweit von einer Lösung entfernt“, sagt Rahel Volz. Neben Gesetzesänderungen und einer besseren Opferbetreuung sei es wichtig, die Mitarbeiter in den Jugendämtern, bei der Polizei und Justiz fortzubilden. Und: „Wir müssen an die Schulen gehen, denn da sitzen die Mädchen, die später zwangsverheiratet werden sollen.“

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