Berlin : Der Feuerwehr fehlt das Geld für die Ausbildung

Rainer W. During

Mehreren hundert Lebensrettern droht der Lizenzentzug für Reanimationsmaßnahmen bei KreislaufstillstandRainer W. During

Rund 250 Berliner pro Jahr verdanken dem Einsatz von Elektroschocks auf den Rettungswagen der Feuerwehr ihr Leben. Mit den sogenannten Defibrilatoren können die Sanitäter noch vor dem Eintreffen des Notarztes mit der Wiederbelebung von Herzpatienten beginnen. Doch damit könnte es bald vorbei sein. Während das Berliner Modell von Lübeck bis München zum Vorbild wurde, droht dem Projekt in Berlin nach personellen Engpässen das Aus. Wegen fehlenden Schulungen bewegen sich nach Schätzung von Notärzten mehrere hundert Feuerwehrleute mit abgelaufener Lebensretter-Lizenz bei ihren Einsätzen im rechtsunsicheren Raum.

"Bei der Einführung war der Ausbildungsstand vorbildlich, heute gehört er sicher zu den schlechtesten der im Rettungsdienst tätigen Feuerwehren", kritisiert Hans-Richard Arntz, Oberarzt der Kardiologie des Klinikums Benjamin Franklin. 1988 war das System nach US-Vorbild etabliert worden. Studien belegen eine Verdoppelung der Überlebenschancen bei Kreislaufstillstand. Denn in zwei von drei Fällen trifft der Rettungswagen deutlich vor dem Notarzt beim Patienten ein. Der Einsatz des Defibrilators durch den entsprechend geschulten Rettungsverantwortlichen der Feuerwehrcrew erfolgt dann auf der Rechtsgrundlage der "Delegation einer ärztlichen Maßnahme". Das heißt, der Mediziner legalisiert den Gebrauch nachträglich aufgrund eines Protokolls.

Die Voraussetzung ist, dass die Feuerwehrleute nach der Grundausbildung alle sechs Monate erneut geschult werden. Der doppelte Zeitraum gilt nach europaweiten Richtlinien als absolute Höchstmarke. Nach einem Jahr ohne Training wird die Berechtigung entzogen. Das könnte bis zum Jahresende jeden zweiten Helfer betreffen, fürchtet Arntz. Denn die Feuerwehr kommt mit der Ausbildung nicht nach. Bei der Einsparung von 450 Stellen waren besonders Verwaltung und Schule betroffen, so Dieter Großhans von der zuständigen Gewerkschaft der Polizei (GdP). Da aufgrund der Altersstruktur jedoch die Zahl der Neueinstellungen von Feuerwehrleuten auf jährlich 180 verdreifacht werden musste, sind die Ausbildungskapazitäten erschöpft. Insider unterstellen der mehr technisch orientierten Feuerwehrführung fehlendes Verständnis für den Rettungsdienst, der zwei Drittel der Einsätze ausmacht.

Feuerwehr-Sprecher Andreas Ohlwein bestätigt, dass personelle Engpässe dazu geführt hatten, die bisherigen Nachschulungen auf den Wachen einzustellen. Zu den zentralen Kursen an der Schulzendorfer Feuerwehrschule seien jedoch nicht immer die Leute mit dem größten Ausbildungsdefizit geschickt worden. Jetzt starte man ein Programm zur systematischen Schulung der Rettungsbevollmächtigten. Einen ersten Termin habe es am 22. Februar an den Wachen Friedrichshain und Suarez gegeben, am 8. März folgen Schillerpark und Neukölln. Danach sollen erst einmal die Resultate ausgewertet werden.

Die Notärzte wollen den Einsatz nicht mehr mittragen, wenn "die Feuerwehr nicht in der Lage ist, die Mindestanforderungern einzuhalten". Für neuen Zündstoff sorgte das Bekanntwerden eines internen Protokolls, wonach sich Landesbrandirektor Albrecht Broemme für die Anwendung der Defribilatoren auch ohne ärztlichen Segen im Rahmen der Notfallkompetenz aussprach. Nach Protestbriefen der Mediziner habe der Feuerwehrchef von einem "Mißverständnis" gesprochen.

Gewerkschafter Großhans sieht "Probleme mit der rechtlichen Absicherung der Kollegen". Die Besatzungen der rund 85 im täglichen Einsatz stehenden Rettungswagen sind verunsichert. Denn den Helfern ohne Lizenz könnten Klagen von Angehörigen drohen, sollte ein Patient nach erfolgloser Stromstoß-Behandlung sterben. Am Donnerstag gibt es eine neue Gesprächsrunde zwischen Feuerwehr, Senat und Notärzten. Ob hier eine Lösung gefunden wird, gilt als fraglich. "Berlin war die erste Stadt, die das System eingeführt hat", sagt Arntz. "Vielleicht sind wir jetzt die ersten, die es wieder abschaffen müssen".

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